Der Klagegesang aus Klagelieder 5, ein Gebet und ein Seufzer einer Gemeinschaft in tiefster Not, hallt in der heutigen Zeit, besonders in Deutschland und Österreich, in erstaunlich vielen Schlagzeilen und gesellschaftlichen Debatten wider. Es ist ein Ausdruck kollektiver Ohnmacht und der Sehnsucht nach Wiederherstellung, der die menschliche Verfassung jenseits historischer Kontexte offenbart.
Der Aufruf in Klgl. 5,1: „Gedenke, HERR, was uns widerfahren ist; schau und sieh unsere Schmach!“ findet seinen Widerhall in der Forderung nach Anerkennung gegenwärtiger und historischer Leiden. Ob es die öffentliche Auseinandersetzung mit der Klimakrise ist, die nach Anerkennung der Dringlichkeit ruft, oder Debatten um die Aufarbeitung von Unrecht in Kirchen und Gesellschaft – überall wird gefordert, hinzusehen und das Leid nicht zu vergessen. Die „Schmach“ kann sich manifestieren im Gefühl der Resignation gegenüber politischen Entscheidungen oder im Verlust des Vertrauens in Institutionen, die nicht mehr als schützend wahrgenommen werden.
Die Klage in Klgl. 5,2: „Unser Erbe ist an Fremde übergegangen, unsere Häuser an Ausländer“ mag im antiken Kontext eine spezifische Bedeutung gehabt haben, aber das zugrunde liegende Gefühl des Verlusts der Kontrolle über die eigene Zukunft, Ressourcen und Identität ist auch heute virulent. In Deutschland und Österreich äußert sich dies in der Sorge um bezahlbaren Wohnraum, wo Investitionen aus dem In- und Ausland Miet- und Kaufpreise in die Höhe treiben. Es spiegelt sich auch in Ängsten vor dem Verlust nationaler oder kultureller Eigenheiten in einer globalisierten Welt oder in Debatten um die Verteilung von Vermögen und Chancen, wo die "Erben" der Nachkriegsgenerationen das Gefühl haben könnten, etwas zu verlieren, was sie als ihr Recht empfanden.
Der Schrei nach den Grundbedürfnissen in Klgl. 5,4: „Wir müssen unser Wasser für Geld trinken, unser Holz für einen Preis holen“ spricht direkt die aktuelle Kostenexplosion und die Sorgen vor Energiearmut an. Nachrichten über hohe Inflationsraten, steigende Energiepreise (Strom, Gas, Heizkosten – das moderne „Holz“) und die zunehmende Belastung für Haushalte, die kaum noch über die Runden kommen, sind allgegenwärtig. Wasser wird zwar nicht direkt für Geld getrunken, aber die Kosten für Versorgungsleistungen steigen, und die Sorge um die Bezahlbarkeit grundlegender Güter ist real.
Die Erschöpfung in Klgl. 5,5: „Auf unserem Nacken werden wir gejagt; wir sind müde und finden keine Ruhe“ ist ein spürbares Phänomen der modernen Leistungsgesellschaft. Burnout, psychische Erkrankungen, der Druck ständiger Erreichbarkeit und die Angst vor Arbeitsplatzverlust oder dem sozialen Abstieg erzeugen ein Gefühl des Getriebenwerdens und der rastlosen Müdigkeit, das viele Menschen in Deutschland und Österreich erfahren. Die ununterbrochene Flut globaler Krisen verstärkt dieses Gefühl der permanenten Anspannung.
Klgl. 5,7: „Unsere Väter haben gesündigt und sind nicht mehr; wir tragen ihre Sünden“ ist ein prägnanter Ausdruck intergenerationaler Verantwortung und Last. In aktuellen Debatten um den Klimawandel wird die heutige Generation mit den Konsequenzen des ungebremsten Konsums und der Umweltzerstörung vergangener Jahrzehnte konfrontiert. Auch die Belastung durch steigende Staatsverschuldung, die künftige Generationen tragen müssen, oder die fortwährende Auseinandersetzung mit der Last historischer Verbrechen und ihrer Aufarbeitung in Deutschland (Nationalsozialismus) und Österreich (Anschluss, Mitläufertum) spiegeln dieses theologische Motiv wider: Die gegenwärtige Generation muss die Folgen der Taten und Unterlassungen ihrer Vorfahren tragen.
Die Beschreibung von Entbehrung und Unsicherheit in Klgl. 5,9-10: „Unter Lebensgefahr holen wir unser Brot herbei ... Unsere Haut ist schwarz geworden wie ein Ofen vor dem glühenden Hunger“ mag in mitteleuropäischen Wohlstandsgesellschaften nicht die gleiche wörtliche Bedeutung haben, doch die Angst vor existentieller Unsicherheit und die Realität der Armut bleibt. Schlangen vor Tafeln, die Notlagen von Obdachlosen und Rentnern, die Angst vor dem sozialen Absturz und die steigende Zahl von Menschen, die sich grundlegende Lebensmittel nicht mehr leisten können, sind Schlagzeilen, die an die existenzielle Not erinnern, wenn auch in anderem Ausmaß und Kontext. Die „Lebensgefahr“ kann auch im modernen Sinne die psychische oder soziale Bedrohung durch Verarmung bedeuten.
Der Verlust von Ordnung und Respekt in Klgl. 5,11-14 – die Vergewaltigung von Frauen (im Kontext einer zerfallenden Gesellschaft), das Nicht-Ehren der Alten, die Bürde auf den Jungen, der Verlust von Freude und Gemeinschaft – sind Spiegelbilder heutiger sozialer Herausforderungen. Zunehmende Gewalt in öffentlichen Räumen, die Debatte um Respekt vor Alter und Autorität, die psychische Belastung und Zukunftssorgen der Jugend (kein "Saitenspiel" der Leichtigkeit, sondern Druck und Angst), und das Gefühl des Verlusts von Gemeinschaft und Miteinander sind wiederkehrende Themen in den Nachrichten und sozialen Diskursen. Die Abnahme des gesellschaftlichen Zusammenhalts und das Gefühl, dass "die Krone vom Haupt gefallen ist" (Klgl. 5,16) – als Metapher für den Verlust von Würde, Optimismus oder dem Glauben an eine bessere Zukunft – prägen die Stimmung vieler.
Schließlich endet Klagelieder 5 mit der Bitte um Wiederherstellung und Erneuerung (Klgl. 5,21): „Bringe uns, HERR, zu dir zurück, dass wir zurückkehren! Erneuere unsere Tage wie von alters her!“ Dieses tiefe Verlangen nach einer Umkehr zum Guten, nach einem Neuanfang, nach Stabilität und einem Gefühl der Geborgenheit durchzieht auch die aktuellen Debatten in Deutschland und Österreich. Es ist die Sehnsucht nach einem Ende der Krisen, nach politischer Handlungsfähigkeit, nach sozialer Gerechtigkeit und nach einem wiedergefundenen Vertrauen in die Zukunft. Es ist der Schrei nach einem göttlichen Eingreifen – oder in säkularer Lesart – nach einer kollektiven Anstrengung, die Gesellschaft zu heilen und zu erneuern, damit die Tage wieder "wie von alters her" werden – nicht in einer romantisierenden Rückkehr, sondern in einem Geist von Hoffnung und Zuversicht.
So bleibt Klagelieder 5 ein zeitloses Echo menschlichen Leidens und der unerschütterlichen Hoffnung auf Wiederherstellung, das seine Aktualität auch in den modernen Nachrichten aus Deutschland und Österreich beweist.