Bibel & Welt

Lesung vom 24.09.2026 · Jer. 48

Der Bibelabschnitt Jeremia 48, der die Gerichtspredigt über Moab darstellt, bietet eine bemerkenswert scharfe theologische Linse, um einige der tiefgreifenden Herausforderungen und Debatten in Deutschland und Österreich heute zu betrachten. Er verurteilt nicht nur Moab, sondern warnt vor den Konsequenzen von Hochmut, Trägheit und einem falschen Sicherheitsgefühl – Themen, die, wenn auch in säkularer Form, in aktuellen Schlagzeilen wiederhallen.

Ein zentrales Bild ist die Klage: „Moab ist zerstört, vernichtet, verheert!“ (V. 3). Die heute zwar keine physische Vernichtung droht, aber in den öffentlichen Diskursen beider Länder oft eine tiefe Verunsicherung und Klage über den Zustand der Gesellschaft und Wirtschaft mitschwingt. Schlagzeilen über wirtschaftliche Stagnation ("Deutschland im Abschwung", "Rezession droht"), die Erosion des Sozialstaates ("Pensionssystem vor dem Kollaps"), oder die Polarisierung der Gesellschaft ("Spaltung der Gesellschaft tiefer denn je") spiegeln eine kollektive Angst vor dem Verlust einer einst als selbstverständlich empfundenen Stabilität und Prosperität wider. Das Heulen und Klagen, das sich in Jeremia 48 über ganz Moab ausbreitet (V. 5, 31, 38), findet seine Entsprechung in der oft melancholischen Grundstimmung, die Umfragen zur Zufriedenheit und zum Zukunftsausblick in Deutschland und Österreich zeigen.

Besonders prägnant ist die Beschreibung Moabs als „auf seinen Hefen gelegen“ (V. 11). Dieses Bild spricht von einem Volk, das über lange Zeit ungestört und unbewegt in seinem Wohlstand verharrte, wie Wein, der nicht von Gefäß zu Gefäß umgefüllt wird und dessen Geschmack dadurch unverändert bleibt. Diese theologische Metapher lässt sich auf die deutsche und österreichische Gesellschaft übertragen, die nach Jahrzehnten des Friedens und des Wohlstands eine gewisse Trägheit oder sogar Selbstzufriedenheit entwickelt haben könnte. Die Warnung, dass der Geschmack dadurch unverändert bleibt und die Kruggefäße nicht geleert werden, spricht von einer fehlenden Bereitschaft zur Erneuerung und Anpassung. Aktuelle Debatten über die mangelnde Geschwindigkeit der Digitalisierung ("Deutschland hinkt hinterher"), die Schwerfälligkeit der Bürokratie ("Bürokratie lähmt Reformen") oder die Schwierigkeiten, notwendige Strukturreformen in Wirtschaft und Energiepolitik umzusetzen ("Energiewende stockt", "Industrie wandert ab"), können als Ausdruck dieser Trägheit verstanden werden. Das Gefühl, man könne auf alten Erfolgen ruhen, wird hier biblisch hinterfragt.

Der Prophet geißelt auch den "Hochmut Moabs" (V. 29), seine Anmaßung und Überheblichkeit, die gegen den Herrn gerichtet war (V. 26). Im heutigen Kontext könnte dies nicht als direkter religiöser Hochmut, sondern als eine Form von nationaler oder kultureller Hybris interpretiert werden: ein unerschütterliches Vertrauen in die eigene vermeintliche Überlegenheit von Systemen, Werten oder technologischen Errungenschaften, das die Notwendigkeit kritischer Selbstreflexion und Demut gegenüber globalen Herausforderungen oder dem Leid anderer verkennt. Debatten um die "deutsche Leitkultur", das Ringen um die eigene Identität in einer globalisierten Welt oder die Schwierigkeit, Fehler in politischen oder wirtschaftlichen Strategien zuzugeben, könnten hier als säkulare Resonanzen des moabitischen Hochmutes gesehen werden.

Wenn Jeremia vom "Zerbrechen des starken Stabes" und des "herrlichen Stabes" Moabs spricht (V. 17), so lässt sich dies auf die Erosion traditioneller Säulen der nationalen Stärke übertragen. Wo einst "Wirtschaftswunder", soziale Sicherheit oder ein hohes Maß an gesellschaftlichem Konsens als unerschütterlich galten, tauchen heute zunehmend Risse auf. Der Verlust von Industriearbeitsplätzen, die Überalterung der Gesellschaft, die Polarisierung im öffentlichen Raum oder die Aushöhlung des Vertrauens in staatliche Institutionen – all dies kann als ein Zerbrechen jener "Stäbe" empfunden werden, auf die sich die Gesellschaft einst stützte.

Schließlich kritisiert Jeremia 48 auch Moabs Vertrauen auf seine Werke und Schätze, ja sogar auf seinen Gott Kemosch (V. 7, 13, 46). Obwohl heutige Gesellschaften selten Götzen in der alttestamentlichen Form anbeten, können materielle Errungenschaften, ein überzogener Glaube an unbegrenztes Wachstum, technologische Allheilmittel oder ein selbstgefälliger Pragmatismus zu modernen "Götzen" werden, denen man blind vertraut. Wenn diese „Götzen“ in Krisenzeiten – wie der aktuellen Energiekrise oder den Herausforderungen des Klimawandels – versagen oder ihre Grenzen aufzeigen, führt dies zu tiefer Enttäuschung und Sinnsuche.

Jeremia 48 ist somit keine Verurteilung Deutschlands oder Österreichs, sondern eine zeitlose theologische Mahnung. Es lädt ein, die aktuellen „Klagen“ und „Verunsicherungen“ nicht nur als ökonomische oder politische Probleme zu sehen, sondern auch als Aufruf zur Selbstprüfung: Wo ruhen wir „auf unseren Hefen“? Wo ist Hochmut an die Stelle von Demut getreten? Und welchen „Götzen“ vertrauen wir noch, obwohl sie uns keine wirkliche Sicherheit bieten können? Der Bibeltext fordert auf, die eigene Geschichte und Gegenwart kritisch zu hinterfragen und sich für notwendige Wandlungen zu öffnen, bevor der „Stab“ gänzlich zerbricht.

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