Der Bibelabschnitt Jeremia 45, in dem Baruch, der Schreiber Jeremias, seine persönliche Not klagt und eine göttliche Antwort erhält, bietet einen frappierenden theologischen Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen und individuellen Empfindungen in Deutschland und Österreich.
Baruchs Klage in Vers 3 – „Wehe mir! Denn der HERR hat zu meinem Schmerz noch Kummer hinzugefügt; ich bin müde geworden vom Seufzen und finde keine Ruhe“ – spiegelt die weitverbreitete Erschöpfung und Überforderung wider, die viele Menschen angesichts der Flut von Krisenmeldungen empfinden. Ob es die anhaltenden Debatten um die Inflation und steigende Lebenshaltungskosten sind, die Sorge um die Energieversorgung, die Auswirkungen des Klimawandels mit Extremwetterereignissen oder die Unsicherheit durch geopolitische Konflikte: Die Nachrichten aus Deutschland und Österreich sind gefüllt mit Themen, die „Schmerz und Kummer“ hinzufügen und die Gesellschaft kollektiv „müde vom Seufzen“ machen. Das Gefühl, keine Ruhe zu finden, ist eine direkte Parallele zur mentalen Belastung, die die ständige Konfrontation mit globalen und lokalen Herausforderungen mit sich bringt.
Die göttliche Antwort in Vers 4 und 5, in der Gott Baruch daran erinnert, dass er selbst das abbrechen und ausreißen wird, was gebaut und gepflanzt wurde – und dass dies über die ganze Erde geschehen wird –, kann als Kommentar zur Erosion etablierter Sicherheiten und Zukunftsperspektiven verstanden werden. In den aktuellen Schlagzeilen sehen wir, wie lange als stabil geltende wirtschaftliche Modelle, soziale Sicherungssysteme oder gar die Planbarkeit der Umwelt ins Wanken geraten. Diskussionen über die Transformation der Wirtschaft, das Ende des billigen Wohlstands, die Notwendigkeit von Anpassungen an den Klimawandel oder die Neuordnung globaler Machtverhältnisse zeigen, dass "Gebautes" (alte Strukturen) "abgebrochen" und "Gepflanztes" (einst sichere Zukunftspläne) "ausgerissen" wird. Das scheinbare Unheil, das über "alles Fleisch" kommt, wie in Vers 5 erwähnt, korrespondiert mit der Wahrnehmung globaler systemischer Krisen, die alle Lebensbereiche erfassen.
Die entscheidende Mahnung Gottes an Baruch in Vers 5 – „Und du suchst dir große Dinge? Suche sie nicht!“ – stellt eine direkte Herausforderung an die vorherrschende Ambition und den individuellen Erfolgskult in den wohlhabenden Gesellschaften Deutschlands und Österreichs dar. In einer Zeit, in der die Nachrichten oft von der Jagd nach Karriere, materiellem Wohlstand, individueller Maximierung und dem Festhalten an gewohntem Konsum geprägt sind, fordert Jeremia 45 zu einer fundamentalen Neubewertung auf. Die Frage, ob das Streben nach diesen „großen Dingen“ (einem teuren Haus, dem nächsten Karrieresprung, unbegrenztem Konsum) noch angemessen ist, wenn die Grundlagen der Gesellschaft und des Planeten selbst in Frage stehen, wird virulent. Die Bibelstelle mahnt davor, sich in persönlichen Ambitionen zu verlieren, während sich eine größere, allumfassende Umwälzung vollzieht.
Der abschließende Satz – „Aber dein Leben will ich dir zur Beute geben an allen Orten, wohin du ziehst“ – bietet schließlich eine theologische Perspektive auf Widerstandsfähigkeit und das Überleben inmitten von Unsicherheit. Es ist eine Reduzierung auf das Wesentliche: das bloße Leben, die Existenz selbst, wird zum höchsten Gut, zur „Beute“, die man retten kann. Dies spiegelt sich in den heutigen Diskussionen wider, wo es angesichts von Pandemien, Kriegen und Klimakrisen immer mehr um die Sicherung der Existenzgrundlagen, um Resilienz der Gesellschaft und des Einzelnen geht. Das "Überleben" – sei es wirtschaftlich, physisch oder mental – rückt in den Vordergrund, statt des unbedingten Strebens nach "großen Dingen". Jeremia 45 fordert so indirekt dazu auf, die Prioritäten neu zu ordnen und den Wert des bloßen Daseins inmitten der zerbrechenden Sicherheiten der Welt neu zu entdecken.