Der Bibelabschnitt Jeremia 44 stellt die Verweigerung einer Gemeinschaft dar, die bitteren Lektionen aus ihrer Geschichte zu lernen und Gottes Warnungen anzunehmen. Das Volk Israel, das sich nach der Zerstörung Jerusalems nach Ägypten geflüchtet hat, beharrt darauf, die "Himmelskönigin" zu verehren, da sie fälschlicherweise glaubt, es sei ihnen besser ergangen, als sie dies taten, und schlechter, als sie damit aufhörten (Jer. 44,17-19). Sie verkehren Ursache und Wirkung: Ihr Unheil rührte von ihrem Götzendienst her, nicht von dessen Abkehr.
Diese grundlegende theologische Dynamik – die Fehlinterpretation von Ursache und Wirkung, das Beharren auf selbstgewählten Wegen trotz offensichtlicher Konsequenzen und die Weigerung, unbequeme Wahrheiten anzuerkennen – findet sich in beunruhigender Weise in heutigen Schlagzeilen und gesellschaftlichen Debatten in Deutschland und Österreich wieder.
Man denke an die anhaltenden Diskussionen um die Wirtschaftsleistung und Standortattraktivität. Wie die Israeliten in Jeremia 44, die sich an ein vermeintliches „goldenes Zeitalter“ des Götzendienstes klammern, sehen wir heute Debatten, die sich auf bestimmte Parameter oder Ideologien als alleinige Garanten für Wohlstand und Stabilität fixieren. Wenn beispielsweise über eine „Deindustrialisierung“ oder den Verlust von Wettbewerbsfähigkeit geklagt wird, werden oft spezifische politische Entscheidungen (z.B. Klimapolitik, Energieversorgung) als alleinige Ursache benannt. Manchmal wird dabei übersehen, dass tiefere, strukturelle Probleme, globale Verschiebungen oder langfristige Fehlentwicklungen der eigenen Gesellschaft oder Wirtschaft längst ihre Schatten vorausgeworfen haben könnten. Die Diskussion dreht sich dann darum, ob das Festhalten an bestimmten „Gottheiten“ – sei es das ungezügelte Wachstum um jeden Preis, die absolute Priorität individueller Freiheiten ohne gemeinschaftliche Verantwortung, oder eine technokratische Problemlösung – wirklich die versprochene Rettung bringt, oder ob es nicht genau jene „Götzen“ sind, die langfristig Probleme schaffen. Die Warnungen vor den Konsequenzen eines einseitigen Kurses werden dann oft als Alarmismus oder ideologisch motiviert abgetan, ähnlich Jeremias Prophetie, die auf taube Ohren stieß (Jer. 44,16).
Ein weiteres Beispiel ist die gesellschaftliche Spaltung und der Verlust von Vertrauen in Institutionen. Die Verweigerungshaltung der Ägypterjuden – "Wir werden ganz gewiss tun, was wir gelobt haben!" (Jer. 44,17) – spiegelt sich in der hartnäckigen Ablehnung faktenbasierter Diskurse oder wissenschaftlicher Erkenntnisse wider. Ob es um Impfdebatten, die Klimakrise oder die Rolle von Migration geht: Ein Teil der Bevölkerung klammert sich an alternative Erzählungen oder idealisierte Vergangenheiten, die eine vermeintliche Sicherheit oder Wahrheit versprechen. Man projiziert die Ursache für gegenwärtige Verunsicherung oder Unzufriedenheit auf „Schuldige“ von außen oder auf bestimmte politische Entscheidungen, während man die eigene Rolle, gesellschaftliche Veränderungen oder globale Entwicklungen ignoriert. Die Suche nach Stabilität und einem besseren Leben führt dazu, sich an „Götzen“ wie nationalistische Ideologien, einfache Antworten oder Verschwörungstheorien zu klammern, die kurzfristig Sicherheit versprechen, aber langfristig zu weiterer Entfremdung und Instabilität führen können. Die Warnung vor den unausweichlichen Konsequenzen eines solchen Verhaltens, wie von Jeremia ausgesprochen (Jer. 44,11-14), bleibt in vielen Diskussionen ungehört.
Jeremia 44 ruft so zu einer tiefgreifenden Selbstreflexion auf: Welche "Götzen" verehren wir heute in unserer Suche nach Wohlstand, Sicherheit und Identität? Welche Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge missverstehen wir kollektiv? Und sind wir bereit, unbequeme Wahrheiten anzuerkennen, um nicht denselben Weg in die Irre zu gehen wie das Volk, dem Jeremia seine Botschaft verkündete?