Bibel & Welt

Lesung vom 18.09.2026 · Jer. 42

Der Bibelabschnitt Jeremia 42 offenbart eine tiefgreifende menschliche Neigung: Die Menschen suchen Rat bei einer höheren Instanz – hier bei Gott durch den Propheten Jeremia –, doch im Grunde haben sie ihre Entscheidung bereits getroffen und hoffen lediglich auf eine Bestätigung ihres eigenen Willens. Sie versprechen hoch und heilig, jedes Wort Gottes zu befolgen, doch der Prophet warnt sie bereits im Voraus vor ihrem „lügnerischen Handeln“ (V. 20), davor, dass sie sich selbst betrügen, indem sie scheinbar Rat suchen, während sie doch nur ihren Ängsten folgen wollen, nämlich nach Ägypten zu fliehen, anstatt im Land zu bleiben, wie Gott es befehlen wird. Gott bietet ihnen Schutz und Gedeihen an, wenn sie bleiben, warnt sie aber eindringlich vor dem Verderben, das sie in Ägypten ereilen wird.

Dieses theologische Muster findet sich in aktueller Form und in säkularem Gewand vielfach in den Debatten in Deutschland und Österreich wieder. Eine zentrale Parallele ist die öffentliche und politische Auseinandersetzung mit komplexen Herausforderungen, bei denen scheinbar Rat gesucht, Expertisen eingeholt und breite Diskurse geführt werden, die eigentlichen Entscheidungen und Richtungen jedoch oft bereits von Ängsten, kurzfristigen Interessen oder dem Wunsch nach einer bequemen Lösung vorbestimmt sind.

  1. Klimapolitik und Energiewende: Wie die Israeliten, die Sicherheit in Ägypten suchten, obwohl dies dem göttlichen Willen widersprach und sie ins Verderben führte, so werden heute in Deutschland und Österreich oft "schnelle Lösungen" oder das Festhalten an Altem gefordert, um vermeintliche "Sicherheit" zu gewährleisten. Während die Wissenschaft (Jeremias Gotteswort gleichgesetzt) unmissverständlich den Pfad der Transformation (im Land bleiben und Gott vertrauen) aufzeigt, wird oft – aus Sorge vor wirtschaftlichen Einbußen, Arbeitsplatzverlusten oder steigenden Kosten – der Ruf nach Verzögerung, Ausnahmen oder gar Rückschritten (Flucht nach Ägypten) laut. Man fragt nach der Machbarkeit, den Kosten und den Belastungen, doch die tieferliegende Angst vor Veränderung und der Wunsch, den gewohnten Lebensstil beizubehalten, können dazu führen, dass unbequeme Wahrheiten und langfristig notwendige Schritte verleugnet oder ignoriert werden. Die Verheißung (nach Jeremia: Gedeihen im Land) einer nachhaltigen Zukunft wird zugunsten der kurzfristigen Beruhigung (nach Jeremia: Verderben in Ägypten) einer vermeintlichen Stabilität geopfert. Das "lügnerische Handeln" zeigt sich hier in der rhetorischen Anerkennung der Klimaziele bei gleichzeitiger Blockade konkreter Maßnahmen.

  2. Migration und Integration: Ähnlich wie die Israeliten in Jeremia 42, die vor einer Bedrohung fliehen wollten und sich einen vermeintlich sicheren Ort suchten, ringen Deutschland und Österreich mit der Frage, wie mit Migration umzugehen ist. Es werden Expertengremien eingesetzt, europäische und nationale Strategien diskutiert, doch die Debatte ist oft von Ängsten vor Überforderung, kulturellen Unterschieden oder Sicherheitsbedenken geprägt. Die Rufe nach "Obergrenzen", "Abschottung" oder "schnellen Abschiebungen" spiegeln den Wunsch nach einer einfachen, sofortigen Lösung wider, die dem komplexen Problem gerecht werden soll. Der theologische Bezug liegt im Versprechen, dem "göttlichen" (hier: humanitären und völkerrechtlichen) Gebot der Hilfe zu folgen, während gleichzeitig eigene Ängste und politische Opportunitäten dazu verleiten, eine "Fluchtroute" in Form von restriktiven Maßnahmen zu suchen, die letztlich das Problem nur verschieben oder verschärfen könnten, statt es an der Wurzel zu packen und langfristige, oft mühsame Integrationsprozesse (das "Bleiben im Land") zu gestalten. Auch hier wird die Suche nach "Rat" oft zum Vorwand, um bereits feststehende Positionen, die von Sorgen getrieben sind, zu legitimieren, anstatt sich der unbequemen Realität und den komplexen, langfristigen Notwendigkeiten zu stellen. Der Vorwurf des "lügnerischen Handelns" könnte sich auf politische Versprechen beziehen, die Sicherheit suggerieren, ohne die tatsächlichen Herausforderungen und Verantwortlichkeiten anzuerkennen.

In beiden Fällen wird die theologische Botschaft aus Jeremia 42 aktuell: Der Mensch ist geneigt, aus Angst vor Unsicherheit oder vor der Mühsal eines schwierigen, aber richtigen Weges, eine scheinbar leichtere, oft trügerische Alternative zu wählen, auch wenn er vorgibt, die Wahrheit oder den besten Weg zu suchen. Die Warnung vor dem "Selbstbetrug" ist dabei zentral – die Gefahr, sich selbst in die Tasche zu lügen und vermeintliche Lösungen zu wählen, die langfristig ins Verderben führen. Der Ruf Jeremias ist ein Ruf zur Ehrlichkeit mit sich selbst und zum Vertrauen in den oft unbequemen, aber einzig richtigen Weg.

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