Der Bibelabschnitt Jeremia 37 entfaltet ein zeitloses Drama menschlicher Verblendung, politischer Lähmung und der Verweigerung, unbequeme Wahrheiten anzuhören – Muster, die sich in den Schlagzeilen aus Deutschland und Österreich von heute in bemerkenswerter Weise spiegeln.
1. Die Suche nach Scheinlösungen und die Ablehnung grundlegender Wahrheit (Jer. 37,1-5 & 6-10):
König Zedekia sendet Boten zu Jeremia, um ihn um Gebet zu bitten, in der Hoffnung, dass die Babylonier abziehen würden, wie einst die Assyrer. Es ist ein Verzweiflungsschritt, eine Suche nach einer quasi-magischen Lösung, die eine tiefgreifende Umkehr oder das Akzeptieren der Konsequenzen eigenen Handelns überflüssig machen würde. Jeremias Antwort ist unmissverständlich: Selbst wenn die Babylonier vorübergehend abziehen (was sie wegen des Pharaos tatsächlich tun), werden sie zurückkehren und Jerusalem erobern. Es gibt keine Abkürzung, keine Ausrede vor dem Gericht.
In den heutigen Nachrichten sehen wir dies, wenn angesichts existenzieller Krisen wie dem Klimawandel, der Energieversorgung oder den Migrationsbewegungen oft nach schnellen, kosmetischen oder externen Lösungen gesucht wird, anstatt die strukturellen Ursachen anzugehen. Debatten um Tankrabatte, kurzfristige Subventionen oder das Hoffen auf einen milden Winter zur Lösung der Energiekrise sind Pendants zu Zedekias Hoffnung auf den Abzug der Babylonier. Experten (die "Jeremias" unserer Zeit) warnen immer wieder, dass diese temporären Entlastungen (wie der temporäre Abzug der Babylonier) die eigentlichen Probleme nicht lösen und diese in verschärfter Form zurückkehren werden, wenn nicht tiefergehende Veränderungen vorgenommen werden. Doch ihre Mahnungen werden oft als alarmistisch abgetan oder politisch instrumentalisiert.
2. Die Bestrafung des Überbringers der schlechten Nachricht (Jer. 37,11-15):
Als Jeremia versucht, Jerusalem zu verlassen, wird er unter falscher Anschuldigung der Fahnenflucht verhaftet, geschlagen und ins Gefängnis geworfen. Die unbequeme Wahrheit, die er verkündet, macht ihn zum Staatsfeind und zum Opfer derer, die seine Botschaft nicht hören wollen.
Diese Dynamik ist heute in der Art und Weise erkennbar, wie Wissenschaftler, Journalisten oder Aktivisten, die auf drängende, oft existenzbedrohende Probleme hinweisen (sei es der Klimaforschung, der Sozialpolitik oder der Wirtschaft), angefeindet, diskreditiert oder zum Schweigen gebracht werden. Wer unbequeme Wahrheiten ausspricht oder notwendige, aber unpopuläre Maßnahmen fordert, wird nicht selten als Schwarzseher, Nestbeschmutzer oder Extremist dargestellt, und seine Botschaft wird verpönt, weil sie die etablierten Komfortzonen und Narrative stört.
3. Die Ambivalenz der Führung und die Suche nach persönlichem Trost inmitten der Krise (Jer. 37,16-21):
Zedekia holt Jeremia heimlich zu sich, um erneut seine Prophezeiung zu hören. Er weiß um die Wahrheit, ist aber nicht bereit, die Konsequenzen zu ziehen und grundlegende Entscheidungen zu treffen. Er gewährt Jeremia lediglich eine Erleichterung seiner Haftbedingungen und tägliches Brot, um sein persönliches Leiden zu mildern, aber nicht, um seine Botschaft öffentlich zu machen oder danach zu handeln.
Dies spiegelt sich in politischen Führungspersönlichkeiten wider, die in vertraulichen Kreisen die Ernsthaftigkeit von Krisen anerkennen, aber öffentlich zögern, mutige und unpopuläre Schritte einzuleiten. Es gibt oft eine Präferenz für Maßnahmen, die zwar symbolisch wirken oder kurzfristig die Symptome lindern, aber nicht die Wurzel des Problems packen. Man gibt den "Propheten" des Unheils vielleicht "tägliches Brot" in Form von Forschungsgeldern oder Diskussionsforen, aber man handelt nicht nach ihrer Botschaft, um die eigene politische Position oder den gesellschaftlichen Frieden nicht zu gefährden. Der Fokus liegt darauf, die akute Notlage (persönlich oder gesellschaftlich) zu verwalten, statt die Krise an der Wurzel zu packen, oft aus Angst vor den Kosten, den Einschränkungen oder den weitreichenden gesellschaftlichen Veränderungen, die damit verbunden wären. Die unweigerlichen Konsequenzen bleiben bestehen, auch wenn man versucht, sich mit kleinen Zugeständnissen zu beruhigen.