Bibel & Welt

Lesung vom 12.09.2026 · Jer. 36

Der Bibelabschnitt Jeremia 36 erzählt die Geschichte, wie der Prophet Jeremia Gottes Warnungen vor drohendem Unheil durch Baruch niederschreiben lässt, in der Hoffnung, dass das Volk und seine Führer umkehren mögen. Der Kern der Botschaft ist eine ernste Warnung vor den Folgen eines gottlosen Lebenswandels und ein Aufruf zur Umkehr, um Vergebung zu finden. König Jojakim jedoch reagiert mit Ablehnung, zerschneidet die Schriftrolle und verbrennt sie im Feuer, ohne Furcht oder Reue zu zeigen, und versucht sogar, die Boten zu verhaften. Dennoch lässt Gott seine Worte erneut niederschreiben, mit noch schärferen Zusätzen gegen den König und das Volk.

Diese biblische Erzählung bietet einen tiefgreifenden theologischen Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten und Schlagzeilen in Deutschland und Österreich, insbesondere im Hinblick auf die Rezeption und Ablehnung unangenehmer Wahrheiten und Warnungen.

  1. Die Warnung und ihr Zweck (Jer 36,3): Jeremias Botschaft ist eine Ankündigung bevorstehenden Unheils, verbunden mit der Hoffnung auf Umkehr. Heute sind wir in Deutschland und Österreich mit einer Vielzahl solcher "Warnungen" konfrontiert. Klimawissenschaftler etwa liefern seit Jahrzehnten immer präzisere Prognosen über die verheerenden Folgen des Klimawandels – Dürren, Überschwemmungen, Hitzewellen, die auch in Mitteleuropa spürbar werden. Ökonomen warnen vor den Folgen von Inflation, demografischem Wandel für die Sozialsysteme oder steigender Staatsverschuldung. Sozialwissenschaftler weisen auf wachsende gesellschaftliche Spaltung, Polarisierung und den Verlust von Vertrauen in Institutionen hin. Der zugrundeliegende Appell dieser modernen "Propheten" ist derselbe wie der Jeremias: Erkennt die drohende Gefahr und ändert euren Kurs, um Schlimmeres abzuwenden.

  2. Die Ablehnung der Botschaft (Jer 36,23-24): König Jojakim zerschneidet und verbrennt die Schriftrolle, eine radikale physische Zerstörung der unangenehmen Botschaft. In der heutigen Nachrichtenlandschaft erleben wir eine ähnliche, wenn auch weniger physische, Zerstörung von Warnungen:

    • Klimakrise: Während die wissenschaftliche Evidenz erdrückend ist, werden klimawissenschaftliche Erkenntnisse von bestimmten politischen Akteuren oder Interessengruppen als "Panikmache", "Öko-Diktatur" oder gar Verschwörung abgetan. Anstatt die Botschaft ernst zu nehmen und entschlossen zu handeln, wird versucht, ihre Glaubwürdigkeit zu untergraben, sie zu "verbrennen", indem man sie delegitimiert.
    • Medienkritik und Desinformation: Schlagzeilen, die vor der Erosion demokratischer Werte, der Verbreitung von Falschinformationen oder den Risiken unkontrollierter Hassrede warnen, werden oft mit dem Vorwurf der "Lügenpresse" oder der "Systemmedien" kontert. Dies ist ein moderner Versuch, die Überbringer der unbequemen Nachrichten zu diskreditieren und damit die Botschaft selbst zu entkräften, ähnlich Jojakims Weigerung, die Worte ernst zu nehmen. Der Mangel an Furcht und Reue im Angesicht klarer Fakten erinnert an die beschriebene Haltung des Königs und seiner Diener, die ihre Kleider nicht zerrissen.
  3. Die Verfolgung der Boten (Jer 36,26): Jojakim befiehlt, Jeremia und Baruch zu ergreifen. Auch heute sehen wir, wie die Überbringer unbequemer Wahrheiten angegriffen werden:

    • Klimaaktivismus: Gruppen wie die "Letzte Generation" in Deutschland und Österreich, die mit drastischen Protestformen auf die Dringlichkeit der Klimakrise aufmerksam machen wollen, werden oft kriminalisiert, pauschal verurteilt und politisch wie medial stark angefeindet. Anstatt sich mit der Kernbotschaft ihrer Warnung auseinanderzusetzen, wird der Fokus auf die "Störung" und die "Täter" gelegt. Dies ähnelt dem Versuch, die Boten der Botschaft mundtot zu machen, anstatt die Botschaft selbst zu reflektieren.
    • Journalismus: Investigativjournalisten, die Missstände in Politik oder Wirtschaft aufdecken, werden oft mit Klagen, Shitstorms oder sogar physischen Bedrohungen konfrontiert. Der Angriff auf den Boten soll die Verbreitung der Nachricht verhindern oder die Akzeptanz schmälern.
  4. Die Hartnäckigkeit der Botschaft (Jer 36,32): Trotz Jojakims Versuch, Gottes Wort zu vernichten, wird es wiederholt und sogar erweitert. Dies findet sein Echo in der modernen Welt: Trotz aller Leugnung und Ablehnung der Warnungen, bleiben die Realitäten bestehen und werden oft noch deutlicher. Klimawandel manifestiert sich in immer extremeren Wetterereignissen, die keine "Meinung" sind, sondern objektive Realität. Soziale Spaltungen führen zu politischer Instabilität, die nicht einfach weggeredet werden kann. Die "vielen ähnlichen Worte und zusätzlichen" sind die immer neuen Studien, die sich häufenden Katastrophen, die spürbaren Auswirkungen im Alltag der Menschen, die die ursprünglichen Warnungen bestätigen und verstärken, und die Gesellschaft immer drängender zum Handeln aufrufen.

Jeremia 36 erinnert uns daran, dass die Auseinandersetzung mit unangenehmen Wahrheiten und Warnungen eine grundlegende menschliche Herausforderung ist. Die Reaktion auf solche Botschaften – sei es mit Furcht und Umkehr oder mit Ablehnung und Verfolgung der Boten – entscheidet über den weiteren Verlauf. In Deutschland und Österreich stehen wir heute vor der Wahl, die "Schriftrollen" der modernen Warnungen ernst zu nehmen oder sie im metaphorischen Feuer der Ignoranz und des Zynismus zu verbrennen, wissend, dass das Wort der Realität dennoch bestehen bleibt und die Konsequenzen der Ablehnung sich unaufhaltsam entfalten werden.

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