Der Bibelabschnitt Jeremia 24 präsentiert eine eindringliche Vision zweier Körbe Feigen, die eine göttliche Unterscheidung und Bewertung von Menschen und Entwicklungen im Angesicht einer tiefen Krise symbolisieren. Während die „guten Feigen“ das Potenzial für Wiederherstellung, Erneuerung und eine neue Beziehung zu Gott in sich tragen – selbst im Exil –, stehen die „schlechten Feigen“ für Verderbnis, Ablehnung notwendiger Veränderungen und ein Schicksal des Verfalls. Übertragen auf die heutigen Nachrichten und gesellschaftlichen Themen in Deutschland und Österreich, bietet diese theologische Linse eine Perspektive, um die aktuellen Herausforderungen und Reaktionen darauf zu interpretieren.
Die „guten Feigen“ aus Jeremia 24 könnten jene Kräfte und Entwicklungen in unseren Gesellschaften repräsentieren, die angesichts multipler Krisen – sei es die Klimakrise, wirtschaftliche Unsicherheiten oder geopolitische Spannungen – eine aufrichtige Bereitschaft zur Auseinandersetzung, zur Kurskorrektur und zum Aufbau zukunftsfähiger Strukturen zeigen. Wenn Schlagzeilen von innovativen Start-ups berichten, die nachhaltige Technologien entwickeln und etablieren, von Bürgerinitiativen, die sich für soziale Gerechtigkeit und Integration einsetzen, oder von politischen Akteuren, die auch unpopuläre, aber notwendige Reformen anstoßen – all dies könnte in Analogie zu den „guten Feigen“ stehen. Es sind die Bestrebungen, die eine Haltung der Lernbereitschaft, der Resilienz und des Engagements für das Gemeinwohl widerspiegeln. Der Bibeltext spricht davon, dass Gott diese Feigen „zum Guten ansehen“, sie zurückbringen und ihnen ein „Herz geben“ wird, ihn zu erkennen – ein Bild für eine tiefgreifende Transformation und eine hoffnungsvolle Zukunft, auch wenn der Weg dorthin durch Entbehrung führt.
Demgegenüber stehen die „schlechten Feigen“. Sie könnten in jenen aktuellen Schlagzeilen und gesellschaftlichen Strömungen widergespiegelt werden, die durch Starrheit, Verleugnung von Realitäten, Spaltung und opportunistisches Verhalten gekennzeichnet sind. Berichte über Populismus, der Ängste schürt und vereinfachende, aber untaugliche „Lösungen“ anbietet (wie sie etwa in den Debatten um Migration oder die Energiepolitik auftreten können), über Korruptionsskandale in Wirtschaft und Politik, die das Vertrauen in Institutionen untergraben, oder über ein unnachgiebiges Festhalten an veralteten Strukturen und Denkweisen, die Fortschritt blockieren – all dies könnte das theologische Äquivalent der „schlechten Feigen“ sein. Jeremia beschreibt diese Feigen als „so schlecht, dass man sie nicht essen konnte“. Sie symbolisieren das Verderbliche und Zersetzende, das keine konstruktive Zukunft ermöglicht, sondern die Gesellschaft von innen her aushöhlt und sie in eine Abwärtsspirale zieht. Der Text verheißt ihnen, dass sie „zum Schrecken und zum Unglück“ dienen werden, eine Warnung vor den langfristigen Konsequenzen solcher Haltungen.
Jeremia 24 lädt uns ein, nicht nur die äußeren Umstände und Machtverhältnisse zu betrachten, sondern auch die innere Beschaffenheit und das Potenzial für die Zukunft zu beurteilen. Es ist eine theologische Aufforderung zur Unterscheidung, die auch heute relevant ist: Welche Entwicklungen in Deutschland und Österreich tragen wirklich zur Heilung und zum Aufbau einer besseren Zukunft bei, und welche sind – ungeachtet ihres aktuellen Scheins – bereits verdorben und zum Untergang verurteilt? Die Vision fordert dazu auf, die Zeichen der Zeit mit Blick auf die Verheißung göttlicher Gerechtigkeit und Wiederherstellung zu deuten.