Der alttestamentliche Prophet Jeremia klagt in Kapitel 23 über die "Hirten", die Gottes Herde, das Volk Israel, zerstreuen und verderben. Er verurteilt sie für ihre Unfähigkeit und ihren Mangel an Fürsorge, verspricht aber gleichzeitig, dass Gott selbst künftig gute Hirten einsetzen und einen gerechten Spross ("Zemach") erwecken wird, der Recht und Gerechtigkeit im Land schaffen wird. Ein zentraler weiterer Fokus liegt auf den "falschen Propheten", die im Namen Gottes lügen, Visionen ihres eigenen Herzens verbreiten, das Volk mit glatten Worten in Sicherheit wiegen, wo keine ist, und die Hände der Übeltäter stärken, anstatt sie zur Umkehr zu bewegen. Sie stehlen sich gegenseitig die Worte und predigen Träume, die die Menschen irreführen.
Betrachtet man aktuelle Schlagzeilen und gesellschaftliche Themen in Deutschland und Österreich, lassen sich frappierende Parallelen ziehen, insbesondere im Hinblick auf Führungsverantwortung und die Qualität des öffentlichen Diskurses:
Zu den "Hirten" (Führungsverantwortung):
Die Klage über Hirten, die die Herde zerstreuen, findet sich in der heutigen politischen Landschaft oft in der Kritik an Regierungen und führenden Persönlichkeiten. Schlagzeilen thematisieren immer wieder:
* Vertrauensverlust und Polarisierung: Debatten um die Handhabung der Energiekrise, der Inflation oder der Migrationspolitik führen zu Vorwürfen, dass die Regierenden ("Hirten") die Gesellschaft eher spalten als einen ("zerstreuen die Herde"). Berichte über sinkende Umfragewerte und eine wachsende Kluft zwischen Politik und Bürgern spiegeln diese Zerstreuung wider.
* Wirtschaftliche Unsicherheit und soziale Gerechtigkeit: Die Sorge um eine wachsende Armut und die Schwierigkeit, mit den steigenden Lebenshaltungskosten Schritt zu halten, erzeugt das Gefühl, dass ein Teil der Bevölkerung "vernachlässigt" oder "verloren" wird, ähnlich einer Herde, die nicht richtig gehütet wird. Schlagzeilen über "soziale Schieflage" oder "Wohnungskrise" verdeutlichen dies.
* Mangelnde klare Führung: In Krisenzeiten (Klima, Wirtschaft, internationale Konflikte) wird oft der Ruf nach "stärkerer Führung" oder "klarer Kommunikation" laut. Die wahrgenommene Unentschlossenheit oder das Fehlen einer überzeugenden Vision wird als Versagen der "Hirten" interpretiert, die die Herde nicht sicher auf den richtigen Weg führen.
Zu den "falschen Propheten" (Öffentlicher Diskurs und Desinformation):
Die scharfe Kritik Jeremias an Propheten, die Lügen und eigene Hirngespinste verbreiten, ist hochaktuell in einer Zeit, in der Information und Desinformation allgegenwärtig sind:
* Verbreitung von Lügen und Verschwörungstheorien: Soziale Medien und bestimmte alternative Nachrichtenkanäle sind voll von "Visionen des eigenen Herzens" und "Lügen", die als Wahrheit präsentiert werden. Berichte über "Fake News" zum Klimawandel, zu Pandemie-Maßnahmen oder zu geopolitischen Ereignissen zeigen, wie Menschen durch solche "Propheten" irregeführt werden.
* "Glatte Worte" und Populismus: Politische Akteure oder Kommentatoren, die einfache Lösungen für komplexe Probleme versprechen ("Friede, Friede, wenn doch kein Friede ist") oder unangenehme Wahrheiten verschweigen, um kurzfristig Applaus zu ernten, können als moderne "Glattschwätzer" im Sinne Jeremias verstanden werden. Das Herunterspielen von Wirtschaftsrisiken oder die Verharmlosung gesellschaftlicher Spaltungen sind Beispiele dafür.
* Stärkung der Hände der Übeltäter: Indem Desinformation oder vereinfachende Narrative verbreitet werden, die Hassrede legitimieren oder Extremismus fördern, wird indirekt die "Hände der Übeltäter" gestärkt, da Vorurteile geschürt und gesellschaftliche Gräben vertieft werden. Schlagzeilen über zunehmenden Antisemitismus, Rassismus oder Hass im Netz sind hier relevant.
* "Stehlen sich die Worte gegenseitig": In der heutigen Medienlandschaft führt die ständige Wiederholung von (oft ungeprüften) Erzählungen dazu, dass "Worte gestohlen" und als eigene Erkenntnis ausgegeben werden, ohne kritische Reflexion oder Bezug zur Realität. Echo-Kammern verstärken diesen Effekt, wo sich nur noch Meinungen spiegeln und keine echte Wahrheitssuche stattfindet.
Jeremia 23 ruft letztlich nach authentischer Führung und einer Rückkehr zur Wahrheit, die nicht aus menschlichen Hirngespinsten, sondern aus einer tiefen Verantwortung für das Gemeinwohl erwächst – eine Botschaft, die angesichts der aktuellen Herausforderungen in Deutschland und Österreich eine beklemmende Aktualität besitzt. Der Wunsch nach einem "gerechten Spross", der Recht und Gerechtigkeit schafft, manifestiert sich in der Sehnsucht nach Integrität und Substanz im politischen und medialen Diskurs.