Bibel & Welt

Lesung vom 25.08.2026 · Jer. 18

Der Bibelabschnitt Jeremia 18 offenbart eine tiefgreifende theologische Perspektive auf Gottes Handeln mit Völkern, die sich überraschend aktuell auf die gesellschaftlichen und politischen Dynamiken in Deutschland und Österreich übertragen lässt. Im Bild des Töpfers und des Tones wird die Souveränität Gottes verdeutlicht: Wie der Töpfer ein misslungenes Gefäß umformt, so ist auch eine Nation in Gottes Hand – formbar und nicht unabänderlich ihrem Schicksal überlassen. Die heutige Lage in Deutschland und Österreich, geprägt von einer Vielzahl von Krisenmeldungen und Transformationsprozessen, kann in diesem biblischen Kontext eine neue Deutung erfahren.

Die Schlagzeilen berichten von multiplen Herausforderungen: Eine stockende Wirtschaft, anhaltende Inflation und eine besorgte Industrieproduktion in Deutschland, die Debatten um die Finanzierung der Sozialsysteme und die Renten in beiden Ländern. Zugleich prägen polarisierende Diskussionen um Migration, Integrationsprobleme und die Notwendigkeit von Klimaschutzmaßnahmen (wie das kontrovers diskutierte Heizungsgesetz in Deutschland oder die hohen Energiepreise) das politische und gesellschaftliche Klima. Der Aufstieg populistischer Parteien (AfD in Deutschland, FPÖ in Österreich) wird als Zeichen einer Erosion des Vertrauens in etablierte Institutionen und einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft wahrgenommen.

Gerade in diesen Berichten über ein „misslungenes“ oder zumindest „bruchgefährdetes“ Gefäß unserer Gesellschaften liegt die theologische Relevanz von Jeremia 18. Gott sagt: „Kann ich mit euch, Haus Israel, nicht so verfahren wie dieser Töpfer? Siehe, wie der Ton in der Hand des Töpfers, so seid ihr in meiner Hand, Haus Israel.“ (Jer 18,6). Dies bedeutet, dass die aktuelle Form unserer Gesellschaften – wirtschaftlich, sozial, politisch – nicht statisch ist, sondern durch äußere Einflüsse und innere Entscheidungen immer wieder neu geformt oder umgeformt wird. Die genannten Krisen könnten als Momente verstanden werden, in denen das „Gefäß“ eine kritische Form angenommen hat, die eine Korrektur oder gar eine grundlegende Neugestaltung erfordert.

Der Kern von Jeremia 18 liegt in der bedingten Natur von Gottes Plänen: Kündigt er einem Volk Unheil an, und dieses kehrt um von seiner Bosheit, so lässt Gott vom Unheil ab. Kündigt er Gutes an, und das Volk tut Böses, so lässt er vom Guten ab (Jer 18,7-10). Hier liegt eine direkte Herausforderung für die heutigen Gesellschaften. Was könnte die „Bosheit“ (oder das „Böse“) im Kontext Deutschlands und Österreichs sein, das Gott möglicherweise von zugedachtem „Guten“ abwenden lässt, oder das „Unheil“ herbeiführt?

Man könnte hier gesellschaftliche Fehlentwicklungen identifizieren: Die anhaltende soziale Ungleichheit und die Vernachlässigung der Schwächsten, ein übermäßiger Materialismus und die Zerstörung der Schöpfung (exemplifiziert durch die Klimakrise und die kontroversen Debatten um deren Bewältigung und Finanzierung), aber auch eine Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts, das Auseinanderbrechen des Dialogs und die zunehmende Verrohung der Sprache in der Politik und in den sozialen Medien. Wenn Schlagzeilen von „sozialer Spaltung“, „Vertrauensverlust in die Politik“ oder „angespannter Lage“ berichten, könnte Jeremia 18 dies als Ergebnis kollektiver Entscheidungen deuten, die von dem „Guten“ abweichen, das Gott für eine gedeihliche und gerechte Gemeinschaft vorgesehen hat.

Die biblische Antwort auf solches „Böses“ ist die „Umkehr“ (Tschuwa) – eine radikale Neuausrichtung des Denkens und Handelns. Dies würde für die Gesellschaften bedeuten, nicht nur Symptome wie hohe Energiepreise oder sinkende Umfragewerte zu behandeln, sondern die tieferliegenden Ursachen der Krisen zu erkennen und eine kollektive Kurskorrektur vorzunehmen. Das könnte die Neudefinition von Wohlstand bedeuten, eine stärkere Solidarität mit allen Gesellschaftsschichten und auch global (angesichts von Migration), einen bewussteren Umgang mit Ressourcen und der Umwelt oder eine erneute Verpflichtung zu einem konstruktiven, demokratischen Miteinander.

Die große Gefahr, vor der Jeremia 18 warnt, ist jedoch die Verstocktheit, die Weigerung zur Umkehr (V. 12: „Es ist vergeblich! Denn wir werden unseren eigenen Gedanken folgen und jeder von uns wird nach der Verstocktheit seines bösen Herzens handeln“). In aktuellen Debatten zeigt sich dies oft in der Unfähigkeit oder Unwilligkeit, über den eigenen Tellerrand zu blicken, Partikularinteressen dem Gemeinwohl unterzuordnen oder unbequeme Wahrheiten anzuerkennen. Die hartnäckige Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse (etwa zum Klimawandel und den nötigen Maßnahmen), die Unnachgiebigkeit in politischen Blockaden oder das Festhalten an überholten Strukturen, die offensichtlich Schaden anrichten, könnten als eine solche Verstocktheit interpretiert werden.

Jeremia 18 ist somit keine Drohbotschaft eines willkürlichen Gottes, sondern eine eindringliche Aufforderung zur Reflexion und zur verantwortlichen Gestaltung der Zukunft. Es hält unseren Gesellschaften den Spiegel vor und fragt: Sind wir bereit, uns als der „Ton in der Hand des Töpfers“ umformen zu lassen, um ein möglicherweise drohendes Unheil abzuwenden, oder bestehen wir in unserer „Verstocktheit“ darauf, unseren eigenen, möglicherweise zerstörerischen Weg weiterzugehen? Die aktuellen Nachrichten aus Deutschland und Österreich sind dabei der Seismograph, der anzeigt, wie akut diese Frage ist und wie dringend eine theologische Deutung der Geschehnisse sein kann.

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