Der Bibelabschnitt Jeremia 12 hallt in den Schlagzeilen aus Deutschland und Österreich auf bemerkenswert vielschichtige Weise wider, indem er zentrale Fragen nach Gerechtigkeit, Verantwortung und den Folgen menschlichen Handelns stellt.
Jeremia klagt in Vers 1: „Warum haben die Gottlosen Erfolg? Warum sind die Treulosen so sorglos und sicher?“ Diese Frage findet sich heute in der Empörung über Finanzskandale wie Cum-Ex, Wirecard oder auch die Debatten um „Profiteure der Krise“ (etwa während der Energiekrise), bei denen sich der Eindruck festsetzt, dass Akteure, die durch fragwürdige Praktiken oder Spekulationen enorme Gewinne erzielen, oft straffrei bleiben oder ihre Positionen behalten. Die Klage über jene, die „mit dem Mund nahe bei dir sind, aber ihr Herz ist ferne von dir“ (V. 2), lässt sich auf das Phänomen des „Greenwashing“ übertragen, bei dem Unternehmen oder Politiker umweltfreundliche Rhetorik pflegen, während ihre tatsächlichen Handlungen oder Investitionen der Nachhaltigkeit entgegenstehen. Auch die Kritik an performativer politischer Korrektheit, die nicht von echter Überzeugung getragen wird, fällt in diese Kategorie.
Die prophetische Vision des „Weinbergs“ (V. 7-11), der von „vielen Hirten“ verwüstet wird, weil niemand es „zu Herzen nimmt“ (V. 11), spiegelt die aktuelle Klimakrise und den Verlust der Artenvielfalt in Deutschland und Österreich. Schlagzeilen über Dürresommer, Hochwasserkatastrophen (wie im Ahrtal), schmelzende Gletscher in den Alpen oder das Sterben der Wälder sind direkte Manifestationen der Klage, dass „das Land trauert“ und „die Tiere und Vögel dahinschwinden“ (V. 4). Die „Hirten“ könnten hier als politische und wirtschaftliche Eliten verstanden werden, denen vorgeworfen wird, kurzfristige Partikularinteressen über den langfristigen Erhalt der Lebensgrundlagen zu stellen, und die Konsequenzen – „man sät Weizen, aber erntet Dornen“ (V. 13) – werden spürbar. Die Haltung „Er sieht nicht unser Ende“ (V. 4), die mangelnde Weitsicht und das Vertrauen, dass langfristige Folgen nicht eintreten oder niemanden persönlich treffen werden, prägt oft die Verzögerung bei notwendigen Maßnahmen.
Auch die Warnung Gottes an Jeremia in Vers 5, dass „wenn du schon mit Fußgängern müde wirst, wie willst du dann mit Pferden kämpfen? Und wenn du im Land des Friedens stolperst, was willst du tun im Dickicht des Jordan?“, findet Parallelen in der internen Zerrissenheit und den zunehmenden sozialen Spannungen in Deutschland und Österreich. Berichte über eine wachsende gesellschaftliche Polarisierung, Vertrauensverlust in staatliche Institutionen oder die teils aggressive politische Auseinandersetzung zeigen, dass selbst in Zeiten relativen Wohlstands und Friedens die „Brüder und selbst dein Vaterhaus mit dir treulos verfahren“ (V. 6) – im Sinne von Misstrauen, Spaltung und internen Konflikten, die die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft auf die Probe stellen und die Frage aufwerfen, wie größere Herausforderungen gemeistert werden sollen.