Der biblische Abschnitt Jeremia 11 entfaltet die ernste Botschaft eines Bundesbruchs: Gott erinnert das Volk Israel an den Bund, der am Sinai geschlossen wurde, und an das Gebot, seiner Stimme zu gehorchen und keine anderen Götter anzubeten. Doch das Volk hat diesen Bund gebrochen, indem es „anderen Göttern nachgelaufen“ ist und „nicht auf die Worte“ geachtet hat, die Gott durch seine Propheten immer wieder sendete. Die Konsequenz dieser Abkehr ist das angekündigte Unglück. Das Volk ist wie ein einst prächtiger Ölbaum, der jetzt verdorrt, weil er sich vom Wasser des Lebens entfernt hat.
Übertragen auf die heutige Zeit in Deutschland und Österreich können wir diesen theologischen Bezug nicht als direkte, wörtliche Prophetie verstehen, sondern als Spiegelung universeller Muster menschlichen und gesellschaftlichen Verhaltens.
Der „Bund“ und sein Bruch in der säkularen Gesellschaft:
Der „Bund“, von dem Jeremia spricht, kann in unserer heutigen, säkularen Gesellschaft nicht als ein direkter Bund mit Gott im alttestamentlichen Sinne verstanden werden. Stattdessen lässt er sich analog als das Fundament an Werten, Prinzipien und ethischen Maßstäben interpretieren, die eine demokratische, rechtsstaatliche und soziale Gesellschaft zusammenhalten: die Verfassung, Menschenrechte, Solidarität, der Schutz der Schöpfung, die Verpflichtung zur Wahrheit und zum friedlichen Diskurs. Diese sind der „Geist“ und die „Worte“, die dem Gemeinwesen Leben geben sollen.
Der „Bruch dieses Bundes“ und das „Nachlaufen anderer Götter“ äußern sich heute in vielerlei Hinsicht:
Der Götze des Materialismus und ungezügelten Wachstums: Typische Schlagzeilen über die „Rezessionsangst“, die „Inflation“ oder das Ringen um „Wirtschaftswachstum“ zeigen eine tiefe Verhaftung an materiellen Wohlstand. Wenn das Streben nach unbegrenztem Wachstum und persönlichem Konsum über ökologische Notwendigkeiten oder soziale Gerecht gestellt wird, wenn etwa die Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen für kurzfristige wirtschaftliche Gewinne in Kauf genommen wird, dann folgt die Gesellschaft modernen „Göttern“, die Jeremia als solche fremder Götter verdammen würde. Die Warnungen vor dem Klimawandel oder der Ressourcenknappheit sind die „Worte“, auf die nicht ausreichend „gehört“ wird, wie es in Jer 11,8 heißt.
Der Götze der Ideologie und Polarisierung: Nachrichten über „gesellschaftliche Spaltung“, „Radikalisierung“ oder das Scheitern von „Kompromissen in der Politik“ spiegeln wider, dass oft starre Ideologien oder Gruppeninteressen über das gemeinsame Wohl gestellt werden. Das Beharren auf der eigenen Wahrheit und die Weigerung, Andersdenkende anzuhören (Jer 11,8: „sie aber hörten nicht und neigten ihr Ohr nicht“), führt zu einer Erosion des solidarischen Zusammenhalts und des demokratischen Diskurses. Statt sich an übergeordneten Werten wie Gerechtigkeit, Dialog und dem Schutz der Schwächsten zu orientieren, verfallen Teile der Gesellschaft dem Eigensinn und den „Verstocktheiten ihres bösen Herzens“ (Jer 11,8).
Der Götze der Sorglosigkeit und des Scheins: Die biblische Klage über Opfer und Gebete, die nicht erhört werden, weil das Herz nicht umgekehrt ist (Jer 11,14-15), findet eine Parallele in Schlagzeilen über „Greenwashing“ oder symbolische politische Maßnahmen, die tiefgreifende Probleme wie soziale Ungleichheit oder Umweltzerstörung nicht wirklich angehen. Es wird der Anschein erweckt, man tue etwas Gutes, während die eigentliche Wurzel des Problems – das Festhalten an schädlichen Praktiken oder Wertesystemen – nicht angegangen wird. Man bringt Opfer auf dem „heiligen Fleisch“, ohne das Herz zu ändern.
Das drohende „Unglück“ und der verdorrte „Ölbaum“:
Die Ankündigung des Unglücks in Jeremia 11,11 ist kein zufälliges Schicksal, sondern die logische Konsequenz der Abkehr vom Bund. In Deutschland und Österreich manifestiert sich dieses „Unglück“ in wachsender gesellschaftlicher Ungleichheit, der Klimakrise, dem Verlust an Vertrauen in demokratische Institutionen, psychischen Belastungen durch Zukunftsängste oder der zunehmenden Einsamkeit trotz materiellen Überflusses. Der einst „grüne Ölbaum“ (Jer 11,16) unserer blühenden Demokratien und Wohlstandsgesellschaften, die auf Werten wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und sozialer Marktwirtschaft beruhten, droht zu verdorren und „durch Feuer verbrannt“ zu werden, wenn die Gesellschaft weiterhin jene grundlegenden „Worte“ ignoriert, die ihr Bestand und Lebenskraft geben.
Die Ablehnung der „Prophetenstimmen“:
Jeremia selbst erlebt in diesem Kapitel eine Verschwörung gegen ihn (Jer 11,18-19). Auch heute werden jene Stimmen oft als „Alarmisten“, „Nestbeschmutzer“ oder „radikal“ diffamiert, die unbequeme Wahrheiten aussprechen und auf die drohenden Konsequenzen des aktuellen Handelns hinweisen – seien es Wissenschaftler, Aktivisten oder kritische Intellektuelle. Ihre Mahnungen, die dem Gemeinwohl dienen wollen, werden als Bedrohung empfunden, ähnlich wie die Dorfbewohner von Anatot Jeremia zum Schweigen bringen wollten.
Zusammenfassend legt Jeremia 11 eine theologische Linse bereit, durch die wir die Muster von Abkehr, Selbsttäuschung und den daraus folgenden Krisen in unseren modernen Gesellschaften erkennen können. Es ist eine Mahnung, die tiefen „Worte“ des Miteinanders und der Verantwortung zu hören und sich nicht von kurzlebigen oder zerstörerischen „Göttern“ blenden zu lassen, um das gemeinsame „Haus“ nicht zu gefährden.