Bibel & Welt

Lesung vom 16.08.2026 · Jer. 9

Der prophetische Klageschrei Jeremias in Kapitel 9 hallt in seinen Bezügen zu Lüge, Betrug und falschem Stolz auch in den heutigen Nachrichten und gesellschaftlichen Debatten aus Deutschland und Österreich wider. Jeremia sieht die Zerrissenheit seines Volkes und beklagt die allgegenwärtige Untreue und Unehrlichkeit, die das Fundament der Gemeinschaft untergraben.

Die Klage über die allgegenwärtige Lüge und den Betrug („Ein jeder täuscht den andern, und niemand sagt die Wahrheit. Sie haben ihre Zunge geübt, Lüge zu reden“, Jer. 9,4-5) findet in unserer digitalisierten und medialisierten Welt eine beunruhigende Parallele. Aktuelle Schlagzeilen befassen sich mit der Flut von Desinformation und Fake News, die das Vertrauen in Medien, Wissenschaft und politische Institutionen untergraben. Ob es um die Verbreitung von Verschwörungstheorien geht, die gesellschaftliche Spaltung befeuern, oder um gezielte Desinformationskampagnen im politischen Raum, die Wahrheitsfindung wird erschwert. Auch Wirtschaftsskandale, bei denen Profitgier über Redlichkeit gestellt wird und betrügerische Machenschaften ans Licht kommen, spiegeln die biblische Anklage der Untreue und der Abkehr von der Wahrheit wider, wo „im Betrug sie sich weigern, mich zu erkennen“.

Die warnenden Worte Jeremias über die Zunge als „tödlichen Pfeil“ und die Verlogenheit der Herzen, die „freundlich reden“ aber „im Herzen auflauern“ (Jer. 9,7-8), lassen sich auf die heutige Kommunikationskultur übertragen. Die Aggressivität und Anonymität sozialer Medien, wo Hassrede und Online-Anfeindungen diffamierende Kommentare und Lügen verbreiten können, die Existenzen zerstören, erinnern an die „tödliche Zunge“. Auch in der politischen Debattenkultur ist oft zu beobachten, wie scheinbare Konsensbereitschaft oder höfliche Floskeln tiefe ideologische Gräben und Misstrauen verdecken, und wie das Ringen um die vermeintlich bessere Argumentation in persönliche Angriffe oder pauschale Diffamierungen mündet.

Besonders Jeremia 9,22-23, der Aufruf, sich nicht der Weisheit, Stärke oder des Reichtums zu rühmen, sondern des Verstehens und Kennens Gottes, der „Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit“ übt, konfrontiert uns mit zentralen gesellschaftlichen Paradigmen. In Deutschland und Österreich, oft stolz auf ihre ökonomische Stärke, ihren sozialen Wohlstand und technologischen Fortschritt, manifestiert sich diese Versuchung in einem übersteigerten Glauben an die Machbarkeit von Krisen durch Expertise oder Reichtum. Die Diskussion um Klimaschutz, soziale Ungleichheit, die Verteilung von Vermögen oder die Integration von Geflüchteten wird manchmal von einem technokratischen oder rein ökonomischen Denkansatz dominiert, der die fundamentalen Fragen nach Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Ethik in den Hintergrund drängt. Der Ruf Jeremias nach dem Kern der Barmherzigkeit, des Rechts und der Gerechtigkeit als wahrem Ruhm stellt eine theologische Korrektur an einer Gesellschaft dar, die sich allzu sehr auf ihre eigenen Errungenschaften und ihre Selbstwahrnehmung als „gut geordnet“ verlässt.

Der prophetische Blick auf die Abwesenheit dieser Werte, die das Volk im Betrug Gott nicht kennen wollte, ist eine schmerzhafte, aber notwendige Selbstreflexion für unsere Gesellschaften, die sich ebenfalls mit den Folgen von Lüge, Unehrlichkeit und der Verwechslung von äußeren Erfolgen mit innerer Gerechtigkeit auseinandersetzen müssen.

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