Der Bibelabschnitt Jeremia 5 bietet eine bemerkenswert scharfe Diagnose gesellschaftlicher und spiritueller Verfallserscheinungen, die sich wie ein Spiegel an aktuelle Schlagzeilen und gesellschaftliche Debatten in Deutschland und Österreich anlegen lassen. Es ist eine Klage über das Fehlen von Wahrheit, Gerechtigkeit und Gottesfurcht, nicht nur bei den Geringen, sondern explizit auch bei den "Großen", die es eigentlich besser wissen sollten (Jer. 5,4-5).
Wenn Jeremia 5,1 nach jemandem sucht, "der Gerechtigkeit übt und nach Wahrheit trachtet", so findet dieser Ruf ein Echo in der heutigen politischen Landschaft Deutschlands und Österreichs. Die Schlagzeilen sind geprägt von einem Vertrauensverlust in Institutionen und Politiker. Debatten um "Fake News", Desinformation und der Vorwurf der "Lügenpresse" spiegeln die biblische Anklage wider, dass die Wahrheit auf den Straßen kaum noch zu finden ist. Das Ringen um "Werte" und der Vorwurf des "Werteverfalls" in der Gesellschaft zeigen, dass die Suche nach einer verlässlichen moralischen Basis, wie sie Jeremia fordert, aktuell ist. Die "Verhärtung der Angesichter" (Jer. 5,3), die sich nicht bekehren wollen, lässt sich in der Unfähigkeit zur Kompromissfindung und der Zunahme polarisierender Rhetorik in gesellschaftlichen Debatten (z.B. Klimaaktivismus, Migration, Geschlechtergerechtigkeit) erkennen, wo oft nur noch die eigene Position zählt und Empathie für andere Perspektiven schwindet.
Der Text spricht von einer tiefen sozialen Ungerechtigkeit. Jeremia 5,26-28 beklagt, dass "unter meinem Volk Gottlose gefunden werden, die lauern wie Vogelfänger", die "Fallen stellen und Menschen fangen". Sie sind "fett und glänzend", lassen aber die Sache der Waisen und Armen nicht zur Geltung kommen. Diese Bilder finden ihren Widerhall in den aktuellen Diskussionen um die Vermögensschere, steigende Mieten, Inflation und die zunehmende Armut trotz wachsenden Reichtums. Schlagzeilen über steigende Kinderarmut oder die Schwierigkeit, als Normalverdiener eine bezahlbare Wohnung zu finden, zeigen, wie soziale Ungerechtigkeiten auch heute das Fundament der Gesellschaft untergraben. Die "Fallen" könnten metaphorisch für undurchsichtige Finanzpraktiken, Lobbyismus oder Strukturen stehen, die Wenige begünstigen und Viele benachteiligen.
Die spirituelle Dimension ist in Jeremia 5,7 und 5,24 präsent: "Ihre Kinder schwören bei dem, der kein Gott ist" und das Volk "sagt nicht in seinem Herzen: Lasst uns den HERRN, unsern Gott, fürchten". In einer zunehmend säkularen deutschen und österreichischen Gesellschaft, in der die Bindung an traditionelle religiöse Werte schwindet, könnte dies als eine Form moderner "Götzenverehrung" interpretiert werden. Nicht Götterstatuen, sondern der bedingungslose Glaube an Konsum, Wirtschaftswachstum als höchstes Gut, Selbstdarstellung in sozialen Medien, oder auch bestimmte Ideologien, die absoluten Wahrheitsanspruch erheben, könnten jene "keinen Gott" repräsentieren, an den man sich statt einer transzendenten Moral bindet. Das "Vergessen Gottes" ist dabei nicht unbedingt eine bewusste Abkehr, sondern oft eine implizite Lebensweise, die die Quelle von Segen und Verantwortung nicht mehr wahrnimmt.
Jeremia 5,30-31 prangert schließlich ein "Entsetzliches und Grässliches" an: "Die Propheten weissagen lügenhaft, und die Priester herrschen durch ihre eigene Macht, und mein Volk hat's gern so." Dies ist eine scharfe Kritik an der korrupten Führung und der fatalen Bequemlichkeit des Volkes. Heute könnte dies auf eine Medienlandschaft und Politik übertragen werden, die nicht immer kritisch hinterfragt wird, sondern oft das liefert, was die öffentliche Meinung hören will, um Quoten oder Stimmen zu sichern. "Lügenhafte Propheten" könnten jene sein, die einfache, aber unrealistische Lösungen für komplexe Probleme anbieten, oder die Ängste schüren, um eigene Agenden voranzutreiben. Das "das Volk hat's gern so" spricht eine tiefe Bequemlichkeit und das Fehlen eines kritischen Geistes an, der unbequeme Wahrheiten suchen würde.
Kurzum, Jeremia 5 hält der heutigen Gesellschaft in Deutschland und Österreich einen Spiegel vor, der Fragen nach Wahrheit, Gerechtigkeit, spiritueller Ausrichtung und der Verantwortung jedes Einzelnen in der Gemeinschaft aufwirft. Die dort beschriebenen Mechanismen von Vertrauensverlust, sozialer Ungleichheit, Abkehr von ethischen Fundamenten und der Akzeptanz von Oberflächlichkeit scheinen zeitlos und finden sich in vielerlei Gestalt in unseren heutigen Nachrichten wieder.