Bibel & Welt

Lesung vom 08.08.2026 · Jer. 1

Der Ruf an Jeremia in Kapitel 1 ereignet sich in einer Zeit tiefgreifender politischer und moralischer Umbrüche, in der das Volk von seinen Verpflichtungen gegenüber Gott abgewichen war und die politischen Eliten versagten. Ähnlich sehen wir heute in Deutschland und Österreich eine Gesellschaft, die von multiplen Krisen herausgefordert ist: Klimawandel, soziale Spaltung, Migration, wirtschaftliche Unsicherheiten, geopolitische Spannungen und ein Vertrauensverlust in etablierte Institutionen. Jeremia 1 bietet hierfür mehrere theologische Anknüpfungspunkte:

1. Der Ruf zur unbequemen Wahrheit wider den Zeitgeist (Jer. 1,4-8, 17-19):
Jeremias Zögern – „Ich bin noch so jung, ich kann nicht reden“ (V. 6) – und Gottes Zuspruch, sich nicht vor den Mächtigen zu fürchten, sondern alles zu reden, was befohlen wird (V. 7-8, 17-19), spiegelt den heutigen Ruf nach mutigen Stimmen wider. In einer Zeit, in der Polarisierung und „Cancel Culture“ öffentliche Debatten prägen, ist es oft risikoreich, eine abweichende oder kritische Position einzunehmen.
* Aktuelle Bezüge: Klimaaktivisten (wie die „Letzte Generation“), die mit drastischen Aktionen unbequeme Wahrheiten über die Klimakrise artikulieren und dafür oft massiver Ablehnung begegnen. Whistleblower, kritische Journalisten oder auch Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die Korruption aufdecken, über Menschenrechtsverletzungen berichten oder soziale Ungerechtigkeiten benennen, obwohl sie dadurch Anfeindungen und persönlichen Konsequenzen ausgesetzt sind. Das prophetische Element liegt in der Bereitschaft, sich trotz persönlicher Ängste und gesellschaftlichen Gegenwinds für eine höhere Wahrheit oder Gerechtigkeit einzusetzen, im Vertrauen auf eine tiefere Quelle der Stärke.

2. Das prophetische Mandat des Zerstörens und Neuaufbaus (Jer. 1,10):
Die göttliche Beauftragung an Jeremia, „auszureißen und niederzureißen, zu zerstören und zu zerbrechen, um zu bauen und zu pflanzen“, ist ein zentraler theologischer Bezugspunkt. Sie fordert dazu auf, nicht nur Missstände anzuprangern, sondern auch eine Vision für das Neue zu entwickeln.
* Aktuelle Bezüge: Im Diskurs um den Klimaschutz geht es darum, veraltete, umweltschädliche Strukturen (fossile Energien, exzessiver Konsum – „ausreißen, zerstören“) abzubauen und gleichzeitig nachhaltige Alternativen und Lebensweisen (erneuerbare Energien, Kreislaufwirtschaft, bewussterer Lebensstil – „bauen, pflanzen“) zu etablieren. Ähnlich bei der gesellschaftlichen Debatte um Migration und Integration: Es geht darum, rassistische oder diskriminierende Strukturen und Haltungen („ausreißen“) zu überwinden und gleichzeitig inklusive, offene und gerechte Gesellschaftsmodelle zu „bauen“ und zu „pflanzen“, die Vielfalt als Stärke begreifen. Auch die Kritik an dysfunktionalen politischen Systemen oder Parteien („zerbrechen“) muss Hand in Hand gehen mit dem „Pflanzen“ von Ideen für eine verbesserte Demokratie und Politikgestaltung.

3. Der „siedende Topf“ als Zeichen drohenden Unheils und die „Abgötterei“ der Zeit (Jer. 1,13-16):
Der „siedende Topf“, der Unglück aus dem Norden ankündigt, und die Kritik an der „Abgötterei“ der Menschen, können heute als Symbole für existenzielle Bedrohungen und die Verirrungen unserer Zeit interpretiert werden. Die Abwendung von Gott durch das Volk Judas hatte konkrete Konsequenzen.
* Aktuelle Bezüge: Der „siedende Topf“ steht für die drängenden globalen Krisen – von der Klimakatastrophe mit ihren extremen Wetterereignissen bis hin zu geopolitischen Spannungen (wie dem Krieg in der Ukraine und seinen Auswirkungen auf Energiepreise und Versorgungssicherheit in Deutschland und Österreich), die die Gesellschaft unter Druck setzen und die Konsequenzen vergangener Entscheidungen offenbaren. Die moderne „Abgötterei“ könnte in der uneingeschränkten Verehrung des Wirtschaftswachstums um jeden Preis, im Konsumismus als identitätsstiftendem Glauben, im blinden Vertrauen in technologische Lösungen ohne ethische Reflexion, oder in der Verabsolutierung nationaler Interessen über globale Solidarität liegen. Wenn diese „Götzen“ an die Stelle echter Werte oder moralischer Verpflichtungen treten, warnt Jeremia 1 davor, dass dies zu Unglück führen wird.

Jeremia 1 erinnert daran, dass es auch heute Stimmen braucht, die mit göttlicher oder tief empfundener moralischer Autorität die Zeichen der Zeit deuten, unbequeme Wahrheiten aussprechen und gleichzeitig eine Vision für eine gerechtere und nachhaltigere Zukunft formulieren – selbst wenn sie dafür Widerstand ernten und sich „zu einer befestigten Stadt, zu einer eisernen Säule und zu ehernen Mauern“ (V. 18) machen müssen.

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