Die Klage Gottes über ein Volk, das ihn nicht fragt und seinen eigenen Wegen folgt (Jes. 65,1-2), findet in der heutigen säkularen Gesellschaft Deutschlands und Österreichs eine Spiegelung. Der Wunsch nach Selbstbestimmung und Autonomie, der sich in Schlagzeilen über Individualismus, Konsumorientierung und die Abwendung von traditionellen Werten zeigt, kann theologisch als ein "Suchen auf eigenen Wegen" gedeutet werden.
Die prophetische Kritik an den "Opfern auf Ziegeln" und dem "Räucherwerk auf den Hügeln" (V. 3) könnte heute als eine Metapher für jene wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Praktiken verstanden werden, die kurzfristigen Profit oder individuelles Wohlergehen über langfristige Nachhaltigkeit und Gemeinwohl stellen. Nachrichten über Klimakrise, Umweltzerstörung und die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, oft zugunsten eines unbegrenzten Wachstums, könnten als moderne Formen dieser "Opfer" gelesen werden, die die Schöpfung beflecken.
Die Verse, die von denen sprechen, die "in Gräbern sitzen und übernachten" und "auf verborgene Orte achten" (V. 4) sowie "Schweinefleisch essen und Brühe von unreinen Speisen in ihren Töpfen haben", könnten auf eine Gesellschaft verweisen, die sich von lebensspendenden Quellen abwendet und sich stattdessen in problematischen oder destruktiven Praktiken verliert. Schlagzeilen über die Zunahme von psychischen Erkrankungen, Vereinsamung oder auch die Verbreitung von Verschwörungstheorien und Fake News könnten als Ausdruck einer Suche in "unreinen" oder "verborgenen Orten" des Geistes gedeutet werden, die keine wahre Erfüllung bringt. Der Hochmut "Bleib weg, rühre mich nicht an, denn ich bin heiliger als du" (V. 5) spiegelt sich in den hitzigen und polarisierten Debatten wider, die Politik und Gesellschaft oft lähmen, wo moralische Überlegenheit proklamiert wird und Dialog verweigert wird.
Die Verheißung Gottes, "denen, die mich suchen", ein Erbe zu geben (V. 9-10), steht im Kontrast zur Bestrafung jener, die "den HERRN verlassen, die dem Gad einen Tisch bereiten und der Meni einen Becher füllen" (V. 11). "Gad" (Glück) und "Meni" (Schicksal) können als moderne Götzen interpretiert werden: der blinde Glaube an den Markt als universelle Lösung, das Streben nach persönlichem "Glück" um jeden Preis oder ein fatalistisches Verlassen auf das "Schicksal" anstatt aktiver Verantwortung. Schlagzeilen über Lottogewinne, Self-Help-Gurus oder auch die Abhängigkeit von globalen Lieferketten und Marktentwicklungen zeigen eine Gesellschaft, die oft anderen Mächten vertraut als einem transzendenten Schöpfer. Die Konsequenzen dieses Abfalls – Hunger, Durst, Scham (V. 13-14) – sind vielleicht nicht immer physisch, aber oft spirituell oder sozial spürbar: wachsende psychische Belastung, gesellschaftliche Spaltung oder die Scham über soziale Ungleichheit, die sich in Schlagzeilen über Altersarmut oder Wohnungsnot widerspiegelt.
Gerade die Vision der "neuen Himmel und einer neuen Erde" (V. 17), in der "kein Weinen und kein Klageschrei mehr gehört wird" (V. 19), steht in scharfem Kontrast zu vielen heutigen Schlagzeilen. Die Sehnsucht nach einem Leben, in dem "Häuser gebaut und bewohnt" werden, "Weinberge gepflanzt und deren Frucht gegessen" wird (V. 21) – ohne die aktuelle Wohnungsnot oder Sorgen um die Altersvorsorge – hallt in den Debatten über soziale Gerechtigkeit und Generationenverträge wider. Die Vorstellung, dass "Wolf und Lamm zusammen weiden" (V. 25), ist eine theologische Blaupause für die Überwindung von gesellschaftlichen Spaltungen, politischer Polarisierung und internationalen Konflikten, die unsere Nachrichten dominieren. Die biblische Verheißung, dass Menschen ihre Lebenswerke nicht vergeblich errichten und ihre Kinder nicht zum jähen Tod gebären (V. 23), spricht die Ängste vor Klimakatastrophen, Kriegen und der Zukunftssorgen vieler junger Menschen direkt an. Es ist der Ruf nach umfassendem Frieden (Schalom) und Harmonie, der die vielen kleinen und großen Initiativen für Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und Integration befeuert – Bewegungen, die im Glauben an eine bessere Zukunft wirken, auch wenn sie den göttlichen Ursprung dieser Hoffnung nicht immer benennen.
Jesaja 65 lädt uns ein, die aktuellen Entwicklungen in Deutschland und Österreich durch eine theologische Linse zu betrachten: Als eine Gesellschaft, die oft auf eigenen Wegen wandelt, aber auch als eine, in der die leisen Stimmen des "Restes" und die lauten Rufe nach einer gerechteren, friedlicheren "neuen Erde" nicht verstummen. Der Prophet erinnert daran, dass die wahre Quelle für solch eine Erneuerung nicht in selbstgemachten Göttern oder menschlicher Hybris liegt, sondern in der Umkehr zu dem Schöpfer, der solch eine Zukunft verspricht.