Der Ruf aus Jesaja 64, „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir erbebten“, findet ein unerwartetes Echo in den heutigen Nachrichten aus Deutschland und Österreich. Es ist der verzweifelte Wunsch nach einer übermächtigen, transformativen Kraft, die die drängenden Probleme unserer Zeit mit einer Klarheit und Entschlossenheit angeht, die menschlichen Akteuren oft abhandengekommen scheint. Angesichts der jüngsten Überschwemmungen in Süddeutschland und Österreich, die ganze Existenzen vernichten, der zunehmenden Hitzewellen, die die Klimakrise als greifbare Realität vor Augen führen, und der politischen Polarisierung, die effektive Lösungsfindungen erschwert, sehnt man sich nach einer Intervention, die „Berge erbeben“ lässt – nach einer Wendung, die unüberwindbar scheinende Hindernisse aus dem Weg räumt und eine neue, stabile Ordnung schafft.
Die prophetische Klage, „Wir sind allesamt wie Unreine, und alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein beflecktes Kleid“, spiegelt sich in der weit verbreiteten Ernüchterung über die eigene kollektive Handlungsfähigkeit wider. Wenn Klimaziele verfehlt, politische Kompromisse als unzureichend empfunden werden und die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit in vielen gesellschaftlichen Bereichen – sei es in der Migrationspolitik, der sozialen Gerechtigkeit oder der Digitalisierung – unübersehbar ist, dann erscheint die „Gerechtigkeit“ der Systeme, der Institutionen und der Akteure oft wie ein „beflecktes Kleid“. Man erkennt die eigenen Fehler und die unzureichenden Bemühungen, ohne jedoch den Ausweg zu finden, was zu einer tiefen Frustration führt, die von einem Gefühl der Ohnmacht begleitet wird.
Die Zeile „Niemand ruft deinen Namen an, niemand macht sich auf, dich zu ergreifen; denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen“ trifft den Kern einer zunehmend säkularen Gesellschaft. Inmitten existentieller Krisen wie der Energieunsicherheit, der Polarisierung der Gesellschaft durch Populismus oder der Überforderung durch multiple globale Konflikte, sucht man oft vergeblich nach einer gemeinsamen spirituellen oder moralischen Ankerung. Das Schweigen Gottes, oder vielmehr das Fehlen einer kollektiven Hinwendung zu einer transzendenten Dimension, verstärkt das Gefühl der Isolation und der Sinnsuche. Das „verborgene Angesicht“ Gottes wird zum Sinnbild für die scheinbare Abwesenheit von übergeordneten Werten oder einer verbindenden Erzählung, die Orientierung geben könnte, wenn herkömmliche Institutionen und Ideologien an Glaubwürdigkeit verlieren.
Wenn Jesaja bekennt: „Aber nun, HERR, du bist unser Vater; wir sind der Ton, und du bist unser Töpfer; und wir alle sind deiner Hände Werk“, dann drückt dies eine tiefe Sehnsucht nach ursprünglicher Geborgenheit und nach einer Neugestaltung aus. In Zeiten, in denen das Vertrauen in die Gestaltungsfähigkeit der Politik schwindet und die Gesellschaft sich oft als zerbrechlich und zerfallen erlebt – etwa durch Debatten über gesellschaftlichen Zusammenhalt oder die Identität Europas – wächst der Wunsch nach einer grundlegenden Formung, nach einer Rückbesinnung auf das Wesentliche, das uns als Menschen verbindet. Es ist die Hoffnung, dass trotz aller Verwerfungen eine wohlwollende, schöpferische Macht existiert, die die Möglichkeit bietet, „neu geformt“ zu werden – als Individuen und als Gesellschaft – um wieder eine tragfähige Basis für die Zukunft zu finden, jenseits der aktuellen Mängel und Konflikte.
Schließlich die erschütternde Frage: „Willst du angesichts dessen schweigen, HERR, und uns so tief beugen und uns so sehr plagen?“ Diese Klage trifft den Nerv der öffentlichen Debatten. Ob es um die scheinbar endlose Spirale von Inflation und Kaufkraftverlust geht, um die anhaltende Belastung durch Kriege in Europa und dem Nahen Osten, deren Auswirkungen (Flüchtlingsströme, Energiepreise) auch in Deutschland und Österreich spürbar sind, oder um die Überforderung von Gesundheitssystemen und Sozialdiensten: Die Frage nach dem „Warum“ dieses anhaltenden Leidens und der scheinbaren Untätigkeit oder Unfähigkeit, es zu beenden, ist omnipräsent. Es ist ein lauter Ruf nach einem Ende des Schweigens und der Passivität, nach einer Antwort, die das Joch der gegenwärtigen Plagen endlich lindert und einen Weg zur Erneuerung aufzeigt, auch wenn sich dieser Ruf heute oft an die politisch Verantwortlichen oder an eine diffuse "gerechte Welt" richtet.