Bibel & Welt

Lesung vom 04.08.2026 · Jes. 63

Jesaja 63 entfaltet ein komplexes Bild Gottes als eines mächtigen Kriegers, der allein handelt, Gericht übt und zugleich tief mit dem Leid seines Volkes verbunden ist, das sich in Not und Verzweiflung an ihn wendet. Diese theologische Spannung bietet eine frappierende Resonanz zu typischen aktuellen Nachrichten und gesellschaftlichen Themen in Deutschland und Österreich.

Die „Kelter des Zorns“ und die aktuellen Krisen (Jes. 63,1-6):

Der Abschnitt beginnt mit der eindringlichen Vision Gottes, der mit blutroten Kleidern von Edom kommt, da er die „Kelter des Zorns“ allein getreten hat. Dies ist ein Bild göttlichen Gerichts und einer kompromisslosen Abrechnung. In den heutigen Schlagzeilen aus Deutschland und Österreich spiegelt sich eine analoge Erfahrung von überwältigenden, scheinbar unaufhaltsamen Kräften wider, die auf die Gesellschaft einwirken und existenzielle Sorgen schüren. Man denke an die ökologischen Krisen: „Hitzewelle in Österreich bricht Rekorde“, „Hochwasserkatastrophe in Süddeutschland – Tausende evakuiert“. Diese Ereignisse, oft als Konsequenzen menschlichen Handelns verstanden, können ein Gefühl der Ohnmacht hervorrufen, als ob eine höhere, unerbittliche Kraft „die Kelter tritt“ und die Konsequenzen des kollektiven Verhaltens brutal sichtbar macht. Auch wirtschaftliche Schocks wie „Inflation drückt Kaufkraft: Viele Familien am Limit“ oder soziale Spannungen wie „Zunehmende Polarisierung in der Gesellschaft“ können als „Säfte“ einer Kelter empfunden werden, die bitter schmecken und die Bevölkerung zermalmen, ohne dass ein menschlicher „Helfer“ (V. 5) in Sicht zu sein scheint, der die Wucht abmildern könnte. Das Gefühl, dass sich die Dinge verselbstständigen und eine „Rache“ der Umstände oder der fehlgeleiteten Politik stattfindet, korrespondiert mit der biblischen Metapher.

Die „Widerspenstigkeit“ des Volkes und die moderne Entfremdung (Jes. 63,10):

Jesaja beklagt, dass Israel widerspenstig war und Gottes heiligen Geist betrübt hat, woraufhin Gott selbst zum Feind wurde. In Deutschland und Österreich erleben wir immer wieder Schlagzeilen, die von einer tiefen gesellschaftlichen Entfremdung, Misstrauen und einer gewissen „Widerspenstigkeit“ gegenüber übergeordneten Werten oder gemeinsamen Zielen zeugen. „Proteste gegen Klimapolitik eskalieren“, „Vertrauensverlust in die Politik erreicht neuen Höchststand“, „Zunehmende Spaltung bei gesellschaftlichen Debatten“. Diese Nachrichten zeugen von einem Zerfall des Konsenses, einer Weigerung, sich kollektiven Herausforderungen zu stellen oder Kompromisse einzugehen, was theologisch als ein „Betrüben des Geistes“ verstanden werden könnte – jenes Geistes des Zusammenhalts, der Empathie und der gemeinsamen Verantwortung, der eine Gesellschaft trägt. Die daraus resultierende Frustration, Wut und das Gefühl, dass „wir uns selbst zum Feind werden“, indem wir uns entzweien und unfähig sind, konstruktive Lösungen zu finden, spiegelt die biblische Klage wider.

Die Klage und Sehnsucht nach dem „Vater“ (Jes. 63,15-19):

Der Prophet blickt zum Himmel und ruft: „Schau vom Himmel herab und sieh!“ Er fragt nach Gottes „Eifer“ und „Macht“, nach seiner „tiefen Barmherzigkeit und seinem Erbarmen“, die sich zurückhalten. Dieses tiefe existenzielle Klagen, dieses Ringen um Gottes Gegenwart und Hilfe, ist in den heutigen Nachrichten und gesellschaftlichen Stimmungen vielfach zu spüren. Bei all den Krisen – ob psychische Gesundheit („Erschreckender Anstieg psychischer Probleme bei Jugendlichen“), Kriegsangst („Ukraine-Krieg schürt Ängste in Europa“) oder die Frage nach dem Sinn in einer komplexen Welt – manifestiert sich eine latente Sehnsucht nach einem „Vater“ oder einer übergeordneten Orientierung. Wenn der Prophet fragt: „Warum lässt du uns irren von deinen Wegen?“, dann schwingt dies in der heutigen Ratlosigkeit und dem Gefühl der Orientierungslosigkeit mit, das sich in Schlagzeilen wie „Generation Z kämpft mit Zukunftsangst“ oder „Sinnsuche im digitalen Zeitalter“ ausdrückt. Trotz eines oft säkularen Kontextes, in dem Gott nicht explizit benannt wird, ist die tiefe menschliche Not und die implizite oder explizite Suche nach einer rettenden, verlässlichen Instanz, einem „Erlöser“ (V. 16), in diesen Nachrichten und Themen unverkennbar. Die Klage über die „Wüste“ (V. 18), zu der heilige Städte geworden sind, kann analog auf das Gefühl des Zerfalls von Gemeinschaften, Werten oder Hoffnungen bezogen werden, wo einst blühendes Leben und Sinnhaftigkeit vermutet wurden. Das Gebet des Propheten ist somit ein zeitloser Ausdruck menschlicher Hilflosigkeit und Hoffnung in Krisenzeiten, die sich in Deutschland und Österreich in den vielschichtigen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts widerspiegeln.

← Zurück zur Startseite