Bibel & Welt

Lesung vom 03.08.2026 · Jes. 62

Der Bibelabschnitt Jesaja 62 malt ein Bild von unermüdlichem göttlichen Engagement und der Verheißung einer strahlenden Zukunft, in der Zion von Gott selbst mit einem neuen Namen belegt und zur „Krone der Pracht“ gemacht wird. Diese Vision, die sich weigert zu ruhen, bis „ihre Gerechtigkeit aufstrahlt wie Morgenröte und ihr Heil wie eine brennende Fackel“, kann in den aktuellen gesellschaftlichen Diskursen in Deutschland und Österreich einen tiefen Widerhall finden.

Die in Jesaja 62 zum Ausdruck kommende Sehnsucht nach einer neuen Identität, die nicht mehr „Verlassene“ oder „Verwüstete“ genannt wird, sondern „Meine Freude ist an ihr“ (Hephzibah) und „Vermählte“ (Beulah), spricht eine grundlegende menschliche und kollektive Hoffnung an. Angesichts aktueller Schlagzeilen über gesellschaftliche Spaltungen, politische Polarisierung, etwa im Kontext von Migrationsdebatten oder der Energiepolitik, oder dem Ringen um eine gemeinsame europäische Identität, spüren viele Menschen eine ähnliche Suche nach Zusammenhalt, Wertschätzung und Anerkennung. Die biblische Verheißung einer von Gott verliehenen, unantastbaren Würde könnte als Trost und zugleich als Ansporn dienen, in den eigenen Gesellschaften aktiv daran zu arbeiten, dass sich niemand mehr „verlassen“ oder „verödet“ fühlt, sondern als integraler und wertvoller Teil einer Gemeinschaft wahrgenommen wird, die „ersehnt“ und „nicht mehr verlassen“ ist.

Die „Wächter auf den Mauern Jerusalems“, die Tag und Nacht nicht schweigen sollen und Gott keine Ruhe lassen, bis er Jerusalem „zum Ruhm auf Erden“ macht, finden ihr Analogon in den zahlreichen zivilgesellschaftlichen Initiativen, Wissenschaftlern, Aktivisten und engagierten Bürgern in Deutschland und Österreich. Diese „Wächter“ mahnen unermüdlich zu Themen wie Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit, warnen vor dem Verlust demokratischer Werte oder dem Aufkommen von Hassreden und Populismus. Sie sind es, die nicht ruhen, bis die „Gerechtigkeit“ in ihrer Gesellschaft aufleuchtet – sei es in fairen Verteilungsmechanismen, im Schutz der Schwächsten oder in der konsequenten Verfolgung einer nachhaltigen Zukunft. Sie erinnern an die Verheißung, dass der eigene Ertrag, das „Getreide“ und der „Most“, nicht mehr von Fremden verzehrt, sondern von denen genossen wird, die ihn erwirtschaftet haben – eine biblische Metapher, die sich auf aktuelle Debatten um gerechte Löhne, die Verteilung von Vermögen oder die Sicherstellung der sozialen Absicherung übertragen lässt.

Der Ruf „Geht durch die Tore, bereitet dem Volk den Weg, ebnet die Straße, räumt die Steine weg, richtet ein Zeichen auf für die Völker!“ ist eine Aufforderung zur aktiven Gestaltung der Zukunft. In den Nachrichten aus Deutschland und Österreich sehen wir dies in den Bemühungen um den Ausbau der Infrastruktur für erneuerbare Energien, in der Integration von Geflüchteten, in der Modernisierung der Bildungs- und Gesundheitssysteme oder im Kampf gegen bürokratische Hürden. Es ist das kollektive Handeln, das „Steine wegräumt“ und „den Weg ebnet“, um eine „Erlösung“ im Sinne von gesellschaftlichem Fortschritt, Wohlstand für alle und einem gestärkten Zusammenhalt zu ermöglichen. Die Verheißung, dass „dein Heil kommt“, inspiriert die Hoffnung, dass trotz aller Herausforderungen – von der Inflation bis zu geopolitischen Spannungen – eine Zukunft möglich ist, in der Deutschland und Österreich als „heiliges Volk“, als „Erlöste des Herrn“ und als „ersehnte Stadt“ bestehen können, die nicht länger der Resignation preisgegeben ist, sondern ihre eigene Würde und ihren Wert wiederentdeckt und bezeugt.

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