Der biblische Abschnitt Baruch 1 schildert eine existenzielle Krise: Das Volk Israel befindet sich im babylonischen Exil, Jerusalem ist zerstört. Inmitten dieser Katastrophe versammeln sich die Exilierten, um aus Baruchs Buch zu hören, zu weinen, zu fasten und eine umfassende Schuldbeichte abzulegen: „Wir haben gegen den Herrn gesündigt“ (Bar 1,9), und zwar „unsere Könige, unsere Fürsten, unsere Priester und unsere Väter“ (Bar 1,15). Sie bekennen, dass Gott gerecht ist in seinem Urteil und sie selbst mit Scham bedeckt sind, weil sie seiner Stimme nicht gehorchten (Bar 1,15-18). Gleichzeitig fordert der Text auf, für die Herrscher Babylons zu beten, damit unter deren Schatten ein langes Leben möglich sei (Bar 1,11-12).
Dieser theologische Rahmen bietet einen bemerkenswerten Bezug zu typischen aktuellen Schlagzeilen und gesellschaftlichen Themen in Deutschland und Österreich. Die gegenwärtigen Nachrichten sind oft geprägt von einem Gefühl der multiplen Krisen und einer tiefgreifenden Verunsicherung: Die Klimakrise und die Herausforderungen der Energiewende, wirtschaftliche Unsicherheiten wie Inflation und steigende Lebenshaltungskosten, die Polarisierung der Gesellschaft in Debatten um Migration, soziale Gerechtigkeit oder Grundwerte, sowie ein weitverbreiteter Vertrauensverlust in politische Institutionen und Eliten („Politikverdrossenheit“).
Theologisch lässt sich die kollektive Klage und Schuldbeichte Baruchs als eine Einladung verstehen, die modernen Krisen nicht nur als rein technische, ökonomische oder politische Probleme zu betrachten, sondern als Symptome einer tiefer liegenden Abwendung von fundamentalen ethischen und transzendenten Prinzipien. Wenn Baruch von der Sünde der „Könige, Fürsten, Priester und Väter“ spricht, resoniert dies mit der heutigen Kritik an der Verantwortung von Politikern, Wirtschaftslenkern, intellektuellen Eliten und früheren Generationen. Die „Sünde“ im baruchschen Sinne wäre hier nicht unbedingt eine moralische Verfehlung im Einzelfall, sondern eine kollektive Missachtung des Gemeinwohls, eine Priorisierung kurzfristiger Gewinne gegenüber langfristiger Nachhaltigkeit, oder eine Unfähigkeit, die Konsequenzen des eigenen Handelns in ihrer ganzen Tragweite zu erkennen – sei es im Umgang mit der Schöpfung, in der Gestaltung einer gerechten Gesellschaft oder in der Bewahrung des sozialen Friedens. Der daraus resultierende „Vertrauensverlust“ und die „Spaltung der Gesellschaft“ könnten als eine Art modernes Exil interpretiert werden: ein Zustand der Entfremdung von den ursprünglichen Fundamenten des Zusammenlebens und einer tiefen Unsicherheit über die Zukunft.
Die Anweisung, selbst für die Herrscher Babylons zu beten, „dass wir unter ihrem Schatten ein langes Leben haben mögen“ (Bar 1,12), ist in diesem Kontext besonders frappierend. Sie fordert eine theologische Haltung der Demut und der Verantwortung, selbst in Situationen, in denen man mit den Herrschenden nicht einverstanden ist oder unter ihren Entscheidungen leidet. Es ist eine Aufforderung, für die Stabilität und das Wohlergehen des Gemeinwesens zu beten, für die Weisheit und Integrität aller Verantwortlichen, unabhängig von parteipolitischen oder ideologischen Präferenzen. Dies widerspricht einer rein kritischen oder destruktiven Haltung und mahnt zu einem konstruktiven Engagement für den Frieden und die „lange Lebenszeit“ der Gesellschaft, selbst wenn diese von Mängeln gezeichnet ist und man sich in ihr nicht immer vollständig zu Hause fühlt. Es ist eine theologische Aufforderung, sich nicht in Hoffnungslosigkeit oder Zynismus zu verlieren, sondern aktiv und betend an der Gestaltung einer lebenswerten Gegenwart und Zukunft mitzuwirken.
Kurz gesagt, Baruch 1 ruft zu einer tiefen kollektiven Selbstreflexion auf. Es fordert Deutschland und Österreich heraus, die Wurzeln ihrer aktuellen Herausforderungen nicht nur in äußeren Umständen, sondern auch in einem kollektiven Abweichen von fundamentalen Werten zu suchen. Es mahnt zu Demut, Verantwortungsübernahme auf allen Ebenen und einem Gebet für das Gemeinwohl, das über parteipolitische und gesellschaftliche Gräben hinausgeht, um eine Grundlage für Stabilität und zukünftiges Leben zu schaffen.