Bibel & Welt

Lesung vom 17.09.2026 · Ri. 18

Der Bibelabschnitt Richter 18 offenbart eine Gesellschaft im Zustand des moralischen und religiösen Verfalls, charakterisiert durch den wiederholten Satz: „In jenen Tagen gab es keinen König in Israel; jeder tat, was in seinen Augen recht war.“ Diese theologische Kernbotschaft – das Fehlen einer übergeordneten, von Gott gegebenen moralischen Autorität und die damit einhergehende Subjektivierung von Recht und Unrecht – findet beunruhigende Parallelen in aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und Schlagzeilen in Deutschland und Österreich.

Die Daniter in Ri. 18 sind auf der Suche nach einem eigenen Erbteil, einem Ort, den sie ihr Eigen nennen können (V. 1). Sie agieren aus einer vermeintlichen Notlage heraus und nehmen sich, was sie brauchen, ohne Rücksicht auf Besitzrechte oder ethische Normen. Dies manifestiert sich im Diebstahl von Mikas Götterbildern und Priester (V. 14-20) und in der gewaltsamen Eroberung der friedlichen und ahnungslosen Stadt Lajisch (V. 27-28), deren Bewohner als „ruhig und sicher lebten“ und „niemanden hatten, der sie rettete“. Das Recht des Stärkeren setzt sich durch, basierend auf einer eigennützigen Definition dessen, was „richtig“ ist.

In der heutigen deutschen und österreichischen Nachrichtenlandschaft lassen sich ähnliche Muster der "Jeder tat, was in seinen Augen recht war"-Mentalität beobachten:

  1. Vertrauensverlust und die Fragmentierung der Wahrheit: Viele Schlagzeilen berichten über eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft, einen Vertrauensverlust in etablierte Institutionen (Politik, Justiz, Medien) und das Aufkommen von „Alternativfakten“ oder „gefühlten Wahrheiten“. Wenn der Konsens über objektive Fakten oder übergeordnete ethische Prinzipien erodiert, tendiert jeder dazu, seine eigene Realität und Moral zu konstruieren. Dies kann sich in der hartnäckigen Verbreitung von Verschwörungstheorien zeigen, die etabliertes Wissen ablehnen, oder in politischen Debatten, wo ideologische Überzeugungen die Grundlage für eine kompromisslose Haltung bilden, ungeachtet gemeinsamer Werte oder Sachzwänge. Die theologische Parallele ist die Abkehr von einem göttlichen Gesetz als Maßstab zugunsten subjektiver Überzeugungen.

  2. Instrumentalisierung von Glauben oder Moral für Eigeninteressen: Der Levit in Ri. 18 lässt sich von Mika abwerben, weil die Daniter ihm eine attraktivere Position anbieten (V. 19). Seine spirituelle Autorität wird zu einer Handelsware. Ähnliche Tendenzen zeigen sich heute, wenn moralische oder religiöse Argumente opportunistisch eingesetzt werden, um partikulare politische oder wirtschaftliche Interessen zu legitimieren. Dies kann von Lobbygruppen reichen, die ethische Diskurse für ihre Zwecke kapern, bis hin zu Populisten, die Ängste schüren und vermeintlich moralische Überlegenheit proklamieren, um gesellschaftliche Spaltungen zu vertiefen und an Macht zu gewinnen, anstatt echte Lösungen im Sinne des Gemeinwohls zu suchen. Die Integrität von Werten wird einem pragmatischen Nutzen untergeordnet.

  3. Die Herausforderung des Zusammenlebens in Zeiten der Ressourcenknappheit oder Identitätssuche: Die Daniter suchten "ein Land" (V. 1). Heutzutage ringen Deutschland und Österreich mit Themen wie Wohnraummangel, Migration, Verteilungsgerechtigkeit oder dem Umgang mit knappen Ressourcen. In diesen Kontexten entstehen Konflikte, bei denen unterschiedliche Gruppen ihre Ansprüche oft mit Nachdruck und manchmal auf Kosten anderer durchsetzen wollen, wenn eine gemeinsame, übergeordnete ethische Grundlage fehlt. Das theologische Problem ist hier nicht die Notlage an sich, sondern die Art und Weise, wie darauf reagiert wird, wenn die "Rechte" der eigenen Gruppe über alle anderen gestellt werden – ähnlich den Danitern, die Lajisch zerstören, weil es ihren Interessen dient.

  4. Die Ausbeutung der Naivität und Schutzlosigkeit: Lajisch wird überfallen, weil es „keinen hatte, der sie rettete“ (V. 28) und in seiner Sicherheit zu naiv war. Aktuelle Schlagzeilen, die von Cyberkriminalität, Betrug an älteren Menschen, der Ausnutzung von Notlagen (z.B. von Geflüchteten) oder der Gefährdung ungeschützter Minderheiten berichten, spiegeln diese Dynamik wider. Eine Gesellschaft, die den Schutz der Schwächsten nicht als oberstes Gebot begreift, sondern zulässt, dass Opportunismus und Aggression die Oberhand gewinnen, zeigt eine Parallele zum Zustand Israels in Richter 18.

Der theologische Bezug ist, dass die Abwesenheit eines klaren, transzendenten moralischen Kompasses – sei es ein göttliches Gesetz oder ein universell anerkanntes ethisches Fundament – in Deutschland und Österreich ähnlich wie in Ri. 18 zu einer „Jeder-tut-was-in-seinen-Augen-recht-war“-Mentalität führen kann. Dies untergräbt das gesellschaftliche Vertrauen, fördert die Instrumentalisierung von Werten und kann zur Ausbeutung der Schwachen führen, wenn eigennützige Interessen die Oberhand über Gerechtigkeit und das Gemeinwohl gewinnen. Die Geschichte der Daniter ist somit eine bleibende theologische Mahnung vor den Konsequenzen einer entfesselten Subjektivität, die das Fundament eines gerechten Zusammenlebens untergräbt.

← Zurück zur Startseite