Bibel & Welt

Lesung vom 30.08.2026 · Jos. 24

Josua 24 stellt eine Gesellschaft vor die radikale Wahl: „Entscheidet euch heute, wem ihr dienen wollt: den Göttern, denen eure Väter jenseits des Stromes gedient haben, oder den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr wohnt? Ich aber und mein Haus, wir wollen dem HERRN dienen!“ (Jos 24,15). Diese theologische Herausforderung findet in den heutigen Schlagzeilen und gesellschaftlichen Debatten Deutschlands und Österreichs bemerkenswerte Resonanz, wenn auch in säkularisierten und neu interpretierten Formen.

Die Aufforderung Josuas, sich zwischen unterschiedlichen Mächten und ihren Werten zu entscheiden, spiegelt sich in der Dringlichkeit wider, mit der unsere Gesellschaften über ihre fundamentalen Werte und Prioritäten ringen. Aktuelle Debatten über die Energiewende (z.B. Autarkie versus Abhängigkeit, fossile versus erneuerbare Energien), die Zukunft der Sozialsysteme (Generationengerechtigkeit versus Bestandsgarantien) oder die Migrationspolitik (Integration versus Abschottung, Menschenrechte versus nationale Interessen) sind im Kern Ausdruck dieser existenziellen Wahl. Welchem „Gott“ – sei es der „Gott des Wirtschaftswachstums“, der „Gott der Klimaneutralität“, der „Gott der nationalen Souveränität“ oder der „Gott der sozialen Gerechtigkeit“ – wollen wir als Gesellschaft dienen, und welche Opfer sind wir bereit dafür zu bringen?

Josua erinnert Israel an seine Geschichte der Befreiung und an die Taten Gottes, die sie zu dem gemacht haben, was sie sind (Jos 24,2-13). Ähnlich blicken Deutschland und Österreich auf ihre Gründungsnarrative und Errungenschaften – sei es das Grundgesetz, der Wiederaufbau, die soziale Marktwirtschaft oder die Europäische Einigung. Doch wie damals, so heute, stellt sich die Frage, ob diese vermeintlichen Fundamente noch immer die Leitlinien des Handelns sind oder ob sie von neuen, drängenderen „Göttern“ oder Ideologien in den Hintergrund gedrängt werden. Schlagzeilen über den sinkenden Respekt vor demokratischen Institutionen, die Zunahme von Populismus oder die Abnahme des Vertrauens in staatliche Handlungsfähigkeit in beiden Ländern weisen auf eine Erosion dieser gemeinschaftlichen „Bündnisse“ hin, die Josua durch die Erinnerung an die gemeinsame Geschichte zu festigen suchte.

Die wiederholte Selbstverpflichtung des Volkes: „Wir wollen dem HERRN dienen, denn er ist unser Gott“ (Jos 24,18), ist ein Akt des gesellschaftlichen Konsenses und der kollektiven Identitätsfindung. Heute suchen wir nach vergleichbaren Konsensen, etwa in der Verpflichtung zum Klimaschutz (Pariser Abkommen), zur Verteidigung der Menschenrechte oder zur Stärkung der Demokratie. Die Herausforderung liegt jedoch, wie Josua eindringlich warnt (Jos 24,19-20), in der Konsequenz dieser Wahl: „Ihr könnt dem HERRN nicht dienen, denn er ist ein heiliger Gott, ein eifersüchtiger Gott, der euch eure Vergehen und Sünden nicht vergeben wird.“ Die Warnungen vor den Folgen der Klimakrise, den Gefahren des Extremismus oder den Kosten der sozialen Spaltung sind die modernen Entsprechungen von Josuas Mahnung, dass ein Abweichen vom gewählten Pfad schwerwiegende Konsequenzen haben wird, die die Gesellschaft als Ganzes tragen muss.

Der Stein, den Josua als Zeugen aufstellt (Jos 24,26-27), symbolisiert die Unvergesslichkeit und Verbindlichkeit der Entscheidung. Was sind die „Zeugensteine“ unserer Zeit? Es könnten die Gesetze sein, die wir verabschieden, die Bauten, die wir errichten, die Gedenkstätten, die wir pflegen, oder die öffentlichen Diskurse, die wir führen. Sie sollen uns an unsere gemeinsamen Verpflichtungen erinnern. Doch die Erzählung endet in Josua 24 mit dem Hinweis, dass Israel dem HERRN diente, solange Josua und die ältesten Männer lebten (Jos 24,31). Dies wirft die theologische Frage auf, wie eine Gesellschaft ihre Grundsatzentscheidungen über Generationen hinweg lebendig und verbindlich halten kann, angesichts von schwindender Kirchlichkeit, veränderten Wertvorstellungen und der permanenten Neuausrichtung durch aktuelle Krisen und gesellschaftliche Spaltungen. Die Wahl, wem wir dienen wollen – welche Werte, Prinzipien oder „Götter“ unser Handeln leiten sollen – bleibt eine immerwährende und existenzielle Herausforderung für Deutschland und Österreich.

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