Josua 18,3 fragt die Israeliten: „Wie lange wollt ihr noch zögern, das Land in Besitz zu nehmen, das euch der Herr, der Gott eurer Väter, gegeben hat?“ Diese Frage hallt in den heutigen deutschen und österreichischen Debatten über drängende gesellschaftliche und politische Herausforderungen wider.
In Deutschland und Österreich sehen wir oft Schlagzeilen und erleben gesellschaftliche Diskussionen, die genau dieses Zögern und die Schwierigkeit der "Besitznahme" thematisieren, wenn auch im übertragenen Sinne:
- Die schleppende Digitalisierung: Seit Jahren wird über den Ausbau von Breitbandnetzen, die Digitalisierung von Schulen und Verwaltungen gesprochen. Doch im internationalen Vergleich hinken beide Länder oft hinterher. Hier klingt Josuas Frage an: Wie lange wollen wir noch zögern, das „Land“ der digitalen Transformation mit seinen Möglichkeiten und Notwendigkeiten entschieden in Besitz zu nehmen und umzusetzen?
- Der Wohnungsbau und die Infrastruktur: Die Rufe nach mehr bezahlbarem Wohnraum in den Ballungszentren sind laut, doch die Bauziele werden oft verfehlt. Ähnlich verhält es sich mit dem Ausbau von Verkehrsinfrastruktur oder der Modernisierung der Energieversorgung, wo lange Planungs- und Genehmigungsverfahren zu einem "Investitions- und Umsetzungsstau" führen. Die Mahnung in Josua 18, die Aufgabe nicht aufzuschieben, sondern zu handeln, findet hier eine aktuelle Resonanz.
- Die Energiewende und der Klimaschutz: Trotz klarer politischer Ziele und einer Dringlichkeit, die durch Studien und Extremwetterereignisse untermauert wird, werden Entscheidungen für den Ausbau erneuerbarer Energien, den Umbau der Industrie oder die Anpassung an den Klimawandel oft verzögert oder durch bürokratische Hürden ausgebremst. Die Gesellschaft ist sich der Dringlichkeit bewusst, aber die tatsächliche „Besitznahme“ der Transformation gestaltet sich zögerlich.
- Die Reform des Gesundheitssystems oder des Bildungswesens: Immer wieder werden Notwendigkeiten für grundlegende Reformen in diesen Sektoren erkannt und diskutiert. Doch die konkrete Umsetzung, die oft mit unbequemen Entscheidungen und Verteilungskämpfen einhergeht, zieht sich hin oder bleibt fragmentarisch. Das „Land“ der zukunftsfähigen Systeme bleibt nur teilweise „in Besitz genommen“.
Die Anweisung in Josua 18, Männer auszusenden, um das Land zu vermessen und in Abschnitte zu teilen, und dies vor dem Herrn durch das Los geschehen zu lassen (V. 4-6, 10), spricht zudem von der Notwendigkeit systematischer Planung, gerechter Verteilung von Aufgaben und Ressourcen und einer transparenten, von einer höheren Instanz legitimierten Entscheidungsgrundlage. Dies lässt sich auf heutige Debatten über Verteilungsgerechtigkeit (z.B. bei Lasten des Klimawandels oder Kosten sozialer Sicherungssysteme) und die Forderung nach transparenten, nachvollziehbaren politischen Prozessen übertragen.
Josua 18 ist somit eine theologische Spiegelung der Frage, wie entschlossen und zügig eine Gemeinschaft ihre ihr zugedachten oder notwendigen Aufgaben anpackt, wie sie sich organisiert, um sie gerecht zu lösen, und wie sie aus dem Zögern herausfindet, um die Zukunft aktiv zu gestalten und die „versprochenen“ oder notwendigen Potenziale der Gegenwart zu realisieren.