Der Bibelabschnitt Josua 13 konfrontiert uns mit der grundlegenden Spannung zwischen einer göttlichen Verheißung und einer noch unvollendeten Realität. Obwohl Gott dem Volk Israel das ganze Land verheißen hat, stellt Josua 13,1 fest: „Du bist alt geworden und hast ein hohes Alter erreicht; und es ist noch sehr viel Land übrig, das in Besitz genommen werden muss.“ Diese Aussage, dass ein alternder Führer eine gewaltige, noch unerledigte Aufgabe vor sich hat, die über seine Lebensspanne hinausreicht, und dass unfertige Territorien zu verteilen sind, findet einen theologischen Resonanzboden in den aktuellen Herausforderungen Deutschlands und Österreichs.
Das „sehr viel Land, das in Besitz genommen werden muss“ kann metaphorisch für jene gesellschaftlichen Felder und Probleme verstanden werden, die trotz jahrzehntelanger Bemühungen ungelöst bleiben oder sich gar verschärfen, die wie unerobertes Territorium vor uns liegen. Man denke an die Klimakrise, die als eine solche gewaltige, schier unüberwindbare Aufgabe wahrgenommen wird, die von Generationen übernommen wurde und die eine erschöpfte „Führung“ (im Sinne der aktuellen Politik und Gesellschaft) zu überfordern scheint. Trotz aller Klimaziele und -pläne existiert noch „sehr viel Land“, das transformiert, umgestaltet und „in Besitz genommen“ werden muss – im Sinne einer umfassenden Energiewende, einer nachhaltigen Landwirtschaft oder einer ressourcenschonenden Produktion und Lebensweise. Die Angst, dass die Zeit davonläuft und die Verantwortung auf die nächste Generation abgewälzt wird, spiegelt das biblische Bild des alt gewordenen Josua wider, der das Werk nicht vollenden kann.
Ein weiteres „unerforschtes Territorium“ sind die anhaltenden sozialen Ungleichheiten und die Wohnungsnot in urbanen Zentren. Die Verteilung des Landes in Josua 13, auch wenn noch nicht alles erobert ist, betont das Prinzip der gerechten Zuteilung eines „Erbteils“. In Deutschland und Österreich erleben wir jedoch Schlagzeilen über exorbitante Mietpreise, knappen Wohnraum und wachsende Kluften zwischen Arm und Reich. Dies sind "Ländereien", die nicht gerecht "verteilt" oder "in Besitz genommen" werden konnten, wodurch ein Teil der Bevölkerung vom Zugang zu einem fundamentalen "Erbteil" – einem sicheren und bezahlbaren Zuhause – ausgeschlossen bleibt. Hier liegt eine moralische und soziale „Eroberung“ vor uns, die eine Neuverteilung von Chancen und Ressourcen erfordert, um die Lebensgrundlagen für alle zu sichern.
Auch die Integration von Zugewanderten stellt ein solches „Land, das in Besitz genommen werden muss“ dar. Nicht nur die praktische Eingliederung in den Arbeitsmarkt und das Bildungssystem, sondern auch die soziale Akzeptanz und das Gefühl des Dazugehörens bleiben in vielen Teilen der Gesellschaft eine unvollendete Aufgabe. Die Berichte über Alltagsrassismus, mangelnde Chancengleichheit und soziale Parallelgesellschaften zeigen, dass es „sehr viel Land“ der Herzenshaltung, der Bildung und der Strukturreformen gibt, das noch „erobert“ werden muss, um eine wahrhaft inklusive Gesellschaft zu schaffen, in der jeder Mensch seinen Platz und sein „Erbteil“ finden kann.
Der theologische Bezug verstärkt sich durch die Tatsache, dass Gott Josua trotz des unvollendeten Zustands befiehlt, das Land aufzuteilen. Dies ist ein Aufruf zu handeln, auch wenn die Lösung nicht perfekt ist und die volle Kontrolle noch nicht erreicht wurde. Es ist ein Akt des Glaubens und der praktischen Verantwortung, trotz der Schwierigkeit und der scheinbaren Überforderung einen Schritt zu tun und die anstehenden Aufgaben anzugehen. Die „unerledigten Gebiete“ unserer Gesellschaft fordern uns auf, pragmatisch und zielgerichtet Lösungen zu entwickeln und die „Erbteile“ – sei es in Form von ökologischer Verantwortung, sozialer Gerechtigkeit oder Integrationsarbeit – so zu verteilen, dass die Verheißung eines gerechten und lebenswerten Zusammenlebens für alle wahr werden kann, im Vertrauen darauf, dass das große Ganze sich im Laufe der Zeit entfaltet. Die Leviten, die kein Land, sondern „die Brandopfer des HERRN“ als Erbteil erhalten, könnten dabei metaphorisch für jene nicht-materiellen Güter und Dienste stehen – wie Bildung, Pflege, Kultur oder Spiritualität – die für das Gemeinwesen unverzichtbar sind, jedoch oft in der Verteilung materieller „Ländereien“ übersehen werden.