Die biblische Erzählung in Josua 3, in der Israel vor der Schwelle zum Verheißenen Land steht und den Jordan auf wundersame Weise überquert, bietet eine faszinierende theologische Linse, um auf die Herausforderungen und Chancen in Deutschland und Österreich zu blicken.
Der erste theologische Bezugspunkt ist die unabwendbare und unüberwindbar scheinende Hürde: Der Jordan ist zur Erntezeit „über alle Ufer voll“. Viele heutige Nachrichten aus Deutschland und Österreich spiegeln ein ähnliches Gefühl wider. Seien es die Klimakrise, die Energiewende, die Transformation der Wirtschaft, Migration und Integration oder die angespannte Lage im Gesundheitssystem – oft dominieren Schlagzeilen, die von "Flutwellen" an Problemen berichten, von Systemen, die "über ihre Kapazitäten hinaus" beansprucht werden. Der Jordan symbolisiert diese gewaltigen Strömungen, die ein bequemes Weitergehen unmöglich machen und zu Lähmung führen könnten.
Doch Josua 3 verlangt Vorbereitung und die Aufforderung zur Heiligung: „Heiligt euch, denn morgen wird der HERR Wunder tun unter euch.“ Im Kontext heutiger Gesellschaften in Deutschland und Österreich lässt sich dies als Aufruf zu einer kollektiven inneren Einkehr, zur Klärung der Werte und zur Rückbesinnung auf das Gemeinwohl interpretieren. Angesichts von Polarisierung, Vertrauensverlust in Institutionen und der Zunahme von Desinformation, wäre "Heiligung" hier ein Appell zur Integrität, zur ethischen Reflexion und zur Bereitschaft, kurzfristige Partikularinteressen zugunsten einer gemeinsamen Zukunft zurückzustellen. Es geht darum, die Voraussetzungen für eine "Wunderwirkung" – sprich: für gelingende Transformation und Lösungen – im Inneren der Gesellschaft zu schaffen.
Ein zentrales Element ist die Führung durch die Bundeslade: Die Priester sollen die Bundeslade, Symbol der göttlichen Präsenz und des Bundes, voraus tragen. „Denn ihr habt diesen Weg bisher nicht gegangen.“ Diese Aussage spiegelt das Gefühl vieler wider, in neuen, unerprobten Terrains zu agieren. In Deutschland und Österreich suchen wir angesichts multipler Krisen nach verlässlichen "Leitplanken" und Orientierungspunkten. Was ist unsere "Bundeslade" heute? Es können die im Grundgesetz verankerten Werte sein, das Bekenntnis zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, der Glaube an soziale Gerechtigkeit oder auch ein spirituelles Fundament für diejenigen, die es tragen. Die Nachrichten thematisieren oft den Mangel an Vertrauen in die Führung – Josua 3 erinnert daran, dass eine Führung nur wirken kann, wenn ihr ein klares, gemeinsames Ideal vorausgeht und wenn ihr Autorität durch das Vertrauen in dieses Ideal gestützt wird.
Der entscheidende theologische Moment ist der mutige Schritt ins Ungewisse: Die Priester mussten ihre Füße in das Wasser setzen, bevor sich der Jordan teilte. Dies ist eine direkte theologische Parallele zu vielen aktuellen Debatten. Sei es die Notwendigkeit, unpopuläre, aber zukunftsweisende Entscheidungen in der Energie- oder Klimapolitik zu treffen, weitreichende Reformen im Bildungs- oder Sozialsystem anzugehen oder neue Wege in der Migrationspolitik zu gehen. Schlagzeilen wie "Angst vor dem Ungewissen", "Hohe Kosten für Transformation" oder "Widerstand gegen Veränderungen" zeigen, wie schwer dieser erste, mutige Schritt fällt. Josua 3 lehrt, dass oft das sichtbare Zeichen der Entlastung oder des Erfolgs erst nach dem Akt des Glaubens und der Entschlossenheit sichtbar wird. Es erfordert den Mut, nicht abzuwarten, bis alle Risiken ausgeschlossen sind, sondern mit Überzeugung und Vertrauen in die Notwendigkeit des Tuns voranzuschreiten.
Schließlich zeigt Josua 3, wie Gott Joshua vor dem ganzen Volk erhöht – seine Autorität und Führung werden durch das Gelingen der Überquerung bestätigt. In der heutigen Nachrichtenlandschaft wird oft über das Ringen um politische Legitimität und die Suche nach vertrauenswürdigen Persönlichkeiten berichtet. Die Erzählung deutet an, dass wahre Führung nicht nur in Worten besteht, sondern in der mutigen Navigation durch Krisen und der Fähigkeit, eine Gemeinschaft sicher durch "reißende Flüsse" zu geleiten.
Zusammenfassend bietet Josua 3 den Menschen in Deutschland und Österreich eine theologische Botschaft der Hoffnung und Handlungsaufforderung: Angesichts scheinbar unüberwindbarer Herausforderungen (der reißende Jordan) ist es notwendig, sich innerlich vorzubereiten (Heiligung), sich an fundamentalen Werten und Prinzipien zu orientieren (Bundeslade als Leitbild) und den Mut aufzubringen, den ersten Schritt ins Ungewisse zu wagen (Füße ins Wasser setzen), in dem Vertrauen, dass neue Wege und Lösungen sichtbar werden.